Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos." Dieser Titel eines Films von Alexander Kluge könnte trefflich die Reaktion deutscher Historiker auf den Einsturz des "Dritten Reiches" im Mai 1945 beschreiben. Die wenigen Vertreter der Zunft, die nicht in Sprachlosigkeit versanken, begannen frühzeitig mit der Spurensuche auf dem Weg in die "deutsche Katastrophe", wie ihn Friedrich Meinecke in seiner gleichnamigen Broschüre von 1946 beschwor.

Zwar hat der deutsch-jüdische Theologe Leo Baeck das Traktat als "jämmerliches Buch eines bedeutenden Mannes" abqualifiziert, weil der Autor - später Gründungsrektor der Freien Universität Berlin - das politische, moralische und gesamtgesellschaftliche Desaster auf den Bruch der Nazis mit der klassischen Bildungstradition zurückführte und folgerichtig zum "Goethe-Kränzchen" aufrief. Doch machte Meinecke auch bereits eine der wesentlichen Ursachen des totalen Zusammenbruchs aus: das fatale Zusammenwirken der aus dem Kaiserreich über die Weimarer Republik überkommenen militärischen Führungsschicht mit dem NS-Regime. Dem Offizierskorps, befangen im Streben nach technischer Perfektion und beflügelt von Ehrgeiz, Pflichtgefühl und hypertrophem Patriotismus, habe es leider "an der nötigen Ergänzung durch politisches Denken" gemangelt.

Es ist bemerkenswert, daß der Freiburger Mediävist Gerd Tellenbach ("Die deutsche Not als Schuld und Schicksal", 1947) in dieselbe Kerbe schlug und das Problem tiefer traf, wenn er zu wissen begehrte, warum wohl die Wehrmacht im Gleichschritt mit der Gesamtbevölkerung - den gescheiterten Widerstand ausgenommen - Hitler bis in den staatlichen Untergang folgte. Auch er fand die Antwort in einem pervertierten preußisch-deutschen Militarismus: "Pflichterfüllung war die Tugend des einfachen deutschen Soldaten oder Arbeiters genauso wie die des Wirtschaftsführers oder Generals. Pflicht war das nicht, was das eigene Gewissen verlangte, nicht, was in einsamer Selbsterforschung als göttliches Gebot ... erkannt war ..., sondern Pflicht war der 'Befehl'."

Die Frage, inwieweit eigenes publiziertes Gedankengut potentielle Quelle nationalsozialistischer Ideologie hatte sein können, sparten die deutschen Historiker in der Regel bei der öffentlichen Betrachtung ebenso aus wie die Frage nach dem Grad ihrer persönlichen Identifikation mit Partei und Staat.

So nimmt es nicht wunder, daß der aus dem Baltikum stammende spätere Göttinger Ordinarius Reinhard Wittram, der sich glaubwürdig von seiner NS-Vergangenheit distanzierte, bei der Herausgabe der Memoiren seines Lehrers und Landsmannes Johannes Haller ausgerechnet die Passagen dem Leser vorenthielt, in denen Haller sein zwischen politischer Faszination und elitärer Abneigung schwankendes Verhältnis zu Adolf Hitler und der NSDAP beschrieben hat.

Haller zählte zu den Repräsentanten der Geschichtswissenschaft, die, wie der nach 1933 zum Präsidenten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften avancierte Historiker Alexander von Müller in der von ihm herausgegebenen Historischen Zeitschrift (1936) formulierte, "nicht mit leeren Händen zum neuen deutschen Staat" gekommen waren. Was er mitbrachte, hatte er bereits 1890 beim Verlassen seiner baltischen Heimat im Reisegepäck: eine tiefwurzelnde deutschnationale und spezifisch großdeutsche Gesinnung. Wie ein gut Teil der deutschen Oberschicht in den russischen Ostseeprovinzen, verzehrte er sich in glühender Verehrung für Bismarck, selbstlos, wie er versicherte, nachdem sich abzeichnete, daß es mit der Reichsgründung in so engen Grenzen sein Bewenden haben würde, also die baltischen Provinzen Rußlands nicht, wie erhofft, von ihnen hätten umschlossen werden können.

Während seiner Studienzeit in Dorpat das Land der Deutschen mit der Seele suchend, wählte er es im Jahr der Abdankung des Eisernen Kanzlers (1890) in tiefer Niedergeschlagenheit zu seiner Wahlheimat. Haller, den es drängte, sich handelnd ins Zeitgeschehen einzumischen, wäre Gefahr gelaufen, an seiner Berufung als rückschauender Historiker zu zweifeln, hätte er nicht in Heinrich von Treitschke insofern ein nachahmenswertes Vorbild gefunden, als dieser in seinen Vorlesungen ungeniert historische Wissenschaft in politischer Absicht präsentierte.