Es gibt kleine deutsche Städte, die heißen Viersen, Castrop-Rauxel oder Meppen. Niemals schwingen sie die große Glocke. Weder plustern sie sich auf, noch verheizen sie ihren Etat mit lächerlichen Possen, um Stadtmarketing zu betreiben. Hört man ihre Namen, muß man lächeln, ohne daß man wüßte, warum.

Zu diesen bescheidenen kleinen Städten gehört Minden. Um genau zu sein: gehörte.

Denn seit einigen Monaten geht ein Ruck durch Minden, und täglich ruckt es mehr. Silvester rumst es dann gewaltig, und das ganze Jahr 1998 lang wird es Nachbeben geben: Minden feiert seinen 1200. Geburtstag. Minden, das einmal so groß wie Köln und bedeutender als Bielefeld war, wird sich in der Welt wieder zu Wort melden. Das ist mal sicher.

Minden liegt an der Stelle, wo die Mittelweser den Mittellandkanal kreuzt und sogar mittels einer Brücke überquert. Die Autobahnen machen einen weiten Bogen um Minden. Die Hochgeschwindigkeitszüge rasen an der Stadt vorbei.

Minden ist eine verschlafene Beamten- und Garnisonsstadt, eingezwängt in einen Festungsgürtel, von der Industrialisierung vergessen. Nach dem Krieg verlor Minden auch noch den Sitz der Bezirksregierung. An Detmold! Zwar beherbergt man die Firma Melitta in seinen Mauern, aber die ostwestfälische Universität ging nicht in die Stadt der Kaffeefilter, sondern in die Backpulverstadt Bielefeld. Und zu allem Überfluß weht es den Reisenden von den Giebeln der Häuser her so preußisch-klassizistisch an, daß er fröstelnd weiterziehen möchte.

Wundert es da noch, daß der Mindener meist mit gesenktem Kopf umhergeht?

Nein, es wundert nicht einen cleveren Geschäftsmann brachte diese verbreitete Kopfhaltung sogar auf die Idee mit der Mietmatte.

Es scheint, als hätte Minden jahrhundertelang nur darauf gewartet, aufzustehen und sich zu schütteln. So sehr engagieren sich bei den Vorbereitungen zum Jubeljahr die Bürger und die Firmen. 10 000 Mitmacher seien es, heißt es bei der städtischen Projektgruppe Stadtjubiläum Minden, eingerechnet die Sport- und Gesangsvereine. Eine sehr stolze Zahl bei 87 000 Einwohnern! Und mit Millionenbeträgen springt die Wirtschaft als Sponsor ein.

Am bundesweit erst- und einmaligsten jedoch ist die Idee der Firma Eggers Textilpflege aus dem benachbarten Bückeburg: Eggers stattet die Eingänge möglichst aller Innenstadtgeschäfte und Verwaltungshäuser mit Fußmatten aus, 0,90 mal 1,70 Meter groß, und darauf prangt das offizielle Logo des Stadtjubiläums (das Blau der Weser!, das Rot der SPD-Hochburg!, das Gelb des Neides auf Bielefeld!). Die Stadt bekommt zwanzig Fußmatten gespendet. Die Geschäftsleute zahlen einen Freundschaftspreis von 9,50 Mark Leasinggebühr die Woche.

Noch ist nicht entschieden, wessen Ruf schneller um den Erdball geeilt sein wird: der Ruf der Mindener Mietmatte, was der Bückeburger Mattenvermieter natürlich schwer hofft, denn überall gibt es zu Unrecht übersehene Kleinstädte, denen Jubiläen ins Haus stehen, oder der Ruf Mindens, einer Stadt der Superlative. Es ist beispielsweise nicht übertrieben, zu sagen, daß im Mindener Real-Markt in der Obermarkt-Passage die schönste, ja sensationellste Kassiererin von ganz Ostwestfalen-Lippe kassiert.

Lokaljournalisten denken bei der Fußgängerbrücke zwischen Innenstadt und Großparkplatz ernstlich an San Francisco. Das Rathaus ist das älteste Westfalens, das Amateurkabarett das älteste Deutschlands, die Puffgasse "Rampenloch" gegenüber vom Verwaltungsgericht die sündigste im Mittelweserraum. Hach: Minden-Marketing wäre ja so leicht!

Doch eine Stadtmarketing GmbH wird bestenfalls für nächstes Jahr ins Auge gefaßt. Vorerst fiebert Minden ohnehin der gigantischen Silvesterparty entgegen, die das Jubeljahr einläutet. Dann versammeln sich die Bürger im Rathaus, wo die Peppinos, die Clownin Herta Ahnefeld und der Kleinkünstler Burkhard Hedtmann auftreten. Um null Uhr wird ein "barockes Feuerwerk" gezündet, und als Höhepunkt wird am Himmel die Zahl 1200 brennen.

Dies wird der Moment sein, da es für die kleine Stadt heißt: Kopf hoch, Minden!