Der Anblick rührt den Besucher: In der letzten Vitrine liegen die Lesebrille und die (letzte) Pfeife des russischen Schriftstellers und Journalisten Ilja Ehrenburg, der vor dreißig Jahren gestorben ist. Die Pfeife war sein unvermeidliches Erkennungszeichen: Er rauchte sie, wenn er hinter der Schreibmaschine saß, als Bohemien in Paris und als Kriegsberichter an der Front. Wie oft mag er dem "Kleinen Faden Blau" (so ein Gedicht des Pfeifenrauchers Georg von der Vring) schweigend zugeschaut haben, wenn er wieder einmal mit sich haderte und nicht wußte, worauf es mit seinem Leben hinauswollte.

Welch ein Leben, welch ein Jahrhundert! Beides bringt uns die erste Sonderausstellung des deutschrussischen Museums Berlin-Karlshorst ("Ilja Ehrenburg und die Deutschen") in Bild und Text nahe. Museumsleiter Peter Jahn und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter wollen den Deutschen wieder Appetit machen auf die Gedichte, Erzählungen und Romane eines berühmten Schriftstellers, der in den zwanziger Jahren zu den ersten der Weltliteratur zählte. Andererseits wollen sie aber auch ein Feindbild abbauen, eine der vornehmsten Aufgaben dieses Museums, das auf einzigartige Weise die wechselvollen deutsch-russischen Beziehungen dieses Jahrhunderts darstellt und dabei immer die Menschen, Opfer wie Täter, in den Vordergrund rückt.

Ehrenburg war ein künstlerisches Multitalent. Der erste große Wurf gelang ihm, dem damals dreißigjährigen Emigranten, 1921 mit dem Schelmenroman "Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jerenito und seiner Jünger", durch den er mit einem Schlag weltberühmt wurde. Er entpuppte sich als die frechste Spottdrossel des Kontinents: Ironiker, Satiriker und Zyniker in einem, ohne Respekt vor heiligen Kühen, selbst nicht vor der Oktoberrevolution. Aus der kommunistischen Partei war er wieder ausgetreten, nachdem er sich im Exil mit Lenin und Trotzkij zerstritten hatte. Gleichwohl fand er sich mit dem Sieg des Bolschewismus ab, was ihm leichtfiel, als er die Hälfte seines Lebens im Ausland verbrachte, mehrere Jahre in Berlin.

Wie Alfred Döblin entdeckt auch er die moderne Großstadt - mit ihrem amerikanischen Tempo, ihrem Technikkult, der Ungeduld, den rasch wechselnden Moden, der Raffgier und Lebenslust, eine neue Welt, die er in neuen Formen präsentiert. Zusammen mit El Lissitzky gibt er in Berlin die avantgardistische Kunstzeitung Wjeschtsch/Gegenstand heraus, und dort schreibt er seine Reisefeuilletons aus dem "Café Deutschland". Aber wie viele seiner Generation, die an der Westfront - Ehrenburg als russischer Korrespondent - das Massensterben in den Schützengräben mitangesehen haben, verliert er über aller Begeisterung nie seine Skepsis. Es ehrt ihn, daß Goebbels 1933 auch die "undeutschen" Schriften Ehrenburgs dem Scheiterhaufen preisgibt.

Wie alle Intellektuellen der dreißiger Jahre muß sich auch Ehrenburg zwischen Faschismus und Kommunismus entscheiden. Die Wahl fällt ihm nicht schwer, zumal er im Westen lebt, wo er sich Freiheiten gestatten kann, die ihm freilich die bolschewistischen Zensoren daheim wieder rausstreichen. Es zieht ihn in den Spanischen Bürgerkrieg, wo er sein Talent als Photograph entdeckt.

Seine Bilder aus Spanien und dem besetzten Paris zählen zu den Kostbarkeiten der Ausstellung.

Ehrenburg kann nicht vermeiden, daß Stalin auch mit ihm seine grausamen Spielchen treibt. Ahnungslos gerät er 1937 in Moskau in die Hölle der Säuberungen. Sein Paß wird konfisziert. Nach mehreren Bittbriefen läßt Stalin ihn wieder ziehen, doch zuvor muß Ehrenburg dem diabolischen Schauprozeß gegen seinen Schulfreund Bucharin, dem er so viel verdankt, beiwohnen. Der Hitler-Stalin-Pakt ist für Ehrenburg ein Schock, der ihn in Depressionen stürzt. Erst der Einmarsch der Deutschen in Paris macht ihn wieder hellwach.