Es geht auch ohne Schlüssel. In Hamburg-Eimsbüttel sitzt Steffen Wernéry in einem griechischen Restaurant und pfriemelt mit filigranem Werkzeug an einem Vorhängeschloß herum. Ein paar beiläufig wirkende Bewegungen, schon springt der Bügel auf. Und ringsum das gleiche Bild: Zwanzig Frauen und Männer zwischen sechzehn und Anfang Vierzig, vom Physikstudenten bis zum Privatdetektiv, überlisten bei Tsatsiki und Bier feinmechanische Konstruktionen, die unserer Sicherheit dienen sollen.

Schon sehen die anderen Gäste herüber. Was machen die denn da? Eingeweihte nennen es "Lockpicking": das Öffnen von Schlössern ohne Gewaltanwendung - und ohne schnöden Zweck. Geschicklichkeit um ihrer selbst willen! Die Schließmechanik wird aus ihrem funktionalen Kontext herausgelöst. Allein ihr Funktionsprinzip stemmt sich der geübten Feinmotorik entgegen.

Hinter der skurrilen Szene am Kneipentisch verbirgt sich ein Vereinsabend der Sportsfreunde der Sperrtechnik Deutschland e. V., Ortsgruppe Hamburg. Der 35jährige Wernéry nennt sie lieber "Jünger der neuen Funsportart Lockpicking". Der SSD steckt noch in der Gründungsphase. Gerade erst wurden die frischgedruckten Klubausweise verteilt. Der Eintrag ins Vereinsregister verzögerte sich: Weil den zuständigen Sachbearbeitern der Zweck der Gründung suspekt war, schalteten sie das Landeskriminalamt ein. Besänftigen ließen sich die Kriminalisten erst, als ausgehandelt war, daß alle Mitglieder die Sportordnung zu unterschreiben haben. Darin verpflichten sie sich, keine Schlösser ohne ausdrückliche Einwilligung der Besitzer zu öffnen.

Kein Lockpicker ist darauf aus, mit allen Mitteln möglichst schnell Schlösser zu öffnen. Der Weg ist das Ziel. "Kaputtmachen geht oft schneller", räumen die Sportler am Kneipentisch ein. Aber das ist das Geschäft der Schlüsseldienste, die in dieser Runde den Buhmann geben. "Die knacken als erstes das Schloß, verbiegen dann die Türbeschläge und verkaufen dir alles neu - zu Wucherpreisen", wettert Vizepräsident Arthur. Der bullige Mann zeigt, wie es anders geht, mit Gefühl. Er zieht eine "Schlange", ein an der Spitze wellenförmig geschliffenes Werkzeug aus Uhrfederstahl, in einem Schließzylinder hin und her. Der springt nach ein paar Sekunden auf, und dabei hat der Sportpicker nicht einmal hingeschaut.

Was auffällt: Die größte Gruppe unter den Lockpickern entstammt der Computerszene. Das ist kein Zufall. Die SSD-Zentralfigur Steffen Wernéry war in den achtziger Jahren einer der Gründer des Chaos Computer Clubs (CCC) in Hamburg, der zunächst als kriminelle Bande verteufelt wurde. Inzwischen sind die virtuosen Hacker anerkannte Experten in puncto Computersicherheit geworden. Firmen und Behörden holen gern ihren Rat ein.

Die Hinwendung der Bit-Jongleure zur Mechanik entspringt zwar womöglich auch dem Wunsch, wie Wernéry behauptet, sich von "Software-Updates und Betriebssystemen" zu erholen, bedeutsamer aber ist wohl, daß Hacker und Picker ein wesentlicher Aspekt ihrer Tätigkeit eint. Sie sehen nicht unmittelbar, was sie bewirken, sondern sie müssen es im Kopf beziehungsweise in den Fingerspitzen nachvollziehen. Weder in einen Schließzylinder noch in ein Computernetz kann man hineinschauen.

Bei den meisten Schlössern verhindern dünne Messingstifte, daß sich der Schloßkern im Gehäuse dreht. Die Stifte bestehen aus zwei Teilen: Einer ragt in den drehbaren Schloßkern, den Schließzylinder, hinein und heißt darum Kernstift. Der andere Teil, Gehäusestift genannt, ragt in das unbewegliche Gehäuse des Schlosses. Die beiden Teilstifte stehen aufeinander, sind aber nicht fest miteinander verbunden. Das Schloß läßt sich öffnen, wenn alle Stifte so ausgerichtet sind, daß die Grenzen zwischen Kern- und Gehäusestift auf einer Linie liegen. Diese Linie heißt Scherlinie. Damit sich nicht einfach ein Stift nach dem anderen in die passende Stellung bewegen läßt, drücken Federn die Stifte von der Scherlinie weg. Erst wenn der passende Schlüssel ins Schloß gesteckt wird, gleiten die Stifte auf die Scherlinie.