DIE ZEIT: Herr Gessenharter, Sie haben das Vordringen neurechten Gedankenguts, Ihren Worten nach eine "weiche Form" des Rechtsextremismus, in Medien, Universitäten und Politik festgestellt. Überrascht Sie, daß auch die Bundeswehr davon betroffen scheint?

WOLFGANG GESSENHARTER: Nein. Die Bundeswehr, vor allem ihr Offizierskorps, war schon immer attraktiv für Konservative, für Leute, die national und machtpolitisch denken.

ZEIT: Ist die Bundeswehr demnach für rechtes Gedankengut besonders anfällig?

GESSENHARTER: Wir müssen mit einer gewissen Anfälligkeit rechnen. Allerdings hat jeder Soldat einen Eid auf die Verfassung geleistet. Ich warne hier vor Spekulationen. Doch niemand kennt den genauen geistig-politischen Zustand der Armee.

ZEIT: Wie ist es denn bei Ihren Studenten, den jungen Offizieren?

GESSENHARTER: Eine Studie unserer Hochschule hat kürzlich ergeben, daß sich zwanzig Prozent der studierenden Offiziere als nationalkonservativ sehen.

Diese Studie zeigt aber auch - was entscheidend ist -, daß die Bundeswehrstudenten genauso demokratietreu sind wie zivile Studenten.

ZEIT: Aber Sie sehen doch gerade die Nationalkonservativen als Brücke zu den Rechtsextremen.

GESSENHARTER: Ich halte meine Studenten in dieser Hinsicht für unverdächtig.

Aber es gibt in der Bundeswehr Leute, die ich der "Neuen Rechten" zuordne und die diese Brücke ins Rechtsextreme bilden. Beim Fall Roeder könnte dieses Denken gewirkt haben, wenn dieser verurteilte Rechtsterrorist ganz bewußt eingeladen worden wäre.

ZEIT: Warum wurde der Fall Roeder erst jetzt, knapp drei Jahre später, publik?

GESSENHARTER: Jeder, der ihn hätte melden können, hatte vielleicht schlicht Angst vor einem Karriereknick.

ZEIT: Fördert rechtsradikale Gesinnung bei der Bundeswehr die Karriere?

GESSENHARTER: Ich sage keineswegs, daß rechtsradikales Gedankengut in der Bundeswehr auf Zustimmung stößt, aber offenbar wird manchmal nicht so genau hingeschaut. Bei rechten Sprüchen heißt es dann: Das ist ein bißchen übertrieben, aber ansonsten ist der Kerl ein schneidiger Soldat. Diese Haltung ist genauso schlimm wie aktive Unterstützung. Die Bundeswehr ist nicht irgendein Finanzamt, sondern Inhaber des Gewaltmonopols unseres Landes.

Es gibt in Teilen der Armee einen gewissen Resonanzboden für rechte Ideen.

Wie hätte sonst der bekennende Neonazi Michael Kühnen die Offiziersprüfung ablegen und an die Bundeswehruniversität kommen können? Aber wenn dann solche Fälle zu heiß werden, lassen selbst die stillen Förderer die Radikalen fallen.

ZEIT: Ist der Fall Roeder in seiner Dreistigkeit ein Einzelfall?

GESSENHARTER: In seiner Dreistigkeit schon, und es wäre bedenklich, wenn er sich in dieses Muster des Wegsehens fügte. Aber ich warne davor zu verallgemeinern.

ZEIT: Die Zahl rechtsradikaler Vorfälle hat sich in diesem Jahr im Vergleich zu den Vorjahren immerhin verdoppelt.

GESSENHARTER: Das stimmt, in den letzten Jahren wurden jeweils vierzig bis fünfzig rechtsradikale Vorfälle bekannt, in diesem Jahr etwa hundert. Aber die Öffentlichkeit ist jetzt auch sensibler und schaut genauer hin. Trotzdem, bei rund 340 000 Bundeswehrsoldaten sind auch hundert Fälle ein minimaler Prozentsatz. Die meisten Offiziere, die ich kenne, sind hervorragende Leute.

ZEIT: Ist es für rechte Rattenfänger besonders erfolgversprechend, im soldatischen Revier zu jagen?

GESSENHARTER: Ich glaube nicht, daß Soldaten offen beeinflußt werden. Die Armee wird auch nicht massiv von Rechtsradikalen unterwandert. Das spielt sich alles in kleinen Gruppen ab. Wenn die Extremisten es zu toll trieben, würden sie das, was ich Resonanzboden nenne, zerschlagen. Aber das gravierende Problem ist nicht die Zahl der Vorfälle, sondern die Frage, wie die Bundeswehrführung und der Verteidigungsminister damit umgehen.

ZEIT: Bundesverteidigungsminister Rühe hat doch den Fall Roeder als Skandal bezeichnet und auch schon Köpfe rollen lassen.

GESSENHARTER: Weniger konnte er ja gar nicht machen. Aber es reicht nicht aus, Bauernopfer zu bringen. Rühes Strategie ist, die Einzelfälle hochzuhängen, damit sie jeder sehen kann.

ZEIT: Was wollen Sie mehr?

GESSENHARTER: Das Zurschaustellen der Einzelfälle ist doch keine wahre Offenheit. Ich fordere eine Studie über den geistig-politischen Zustand der Armee. Nur so können wir herausfinden, wie groß der von mir vermutete Resonanzboden für rechtes Gedankengut ist.

ZEIT: Was hindert Sie an dieser Arbeit?

GESSENHARTER: Rühe verbietet eine solche Untersuchung ausdrücklich mit der Begründung, die ganze Armee gerate unter Verdacht. Das ist doch Blödsinn. Die Gesellschaft hat ein Anrecht darauf, zu erfahren, was ihre Soldaten denken.

Die Bundeswehr ist nicht so etwas wie Rühes Privatarmee. Wir müssen die Gesinnung der Truppe mit sozialwissenschaftlichen Methoden unter die Lupe nehmen, wie wir es bei anderen Teilen der Gesellschaft auch tun. Die Bundeswehr hat ja Sozialwissenschaftler: Wir sind die Fummler vor Ort, die jetzt Klarheit schaffen müssen. Es geht uns nicht um Nestbeschmutzung: Nationalkonservative Offiziere sind keine Schande, nur die Öffentlichkeit muß es wissen. Ein Verteidigungsminister, der da blockiert, der wird selbst zum Skandal.

ZEIT: Was soll eine teure Untersuchung bringen? Es ist doch jedem klar, daß Vaterlandsverteidiger besonders national gesinnt sein müssen.

GESSENHARTER: Vorsicht, das kann ein gefährlicher Trugschluß sein. Wir wissen einfach zuwenig. Eine Studie könnte ergeben, daß wir ein ausgesprochen demokratisch gesinntes Offizierskorps haben. Natürlich könnte auch herauskommen, daß der braune Haufen viel größer ist, als bisher angenommen.

Wenn aber, ohne Beweise zu haben, den Offizieren permanent eingeredet wird, ihr seid doch alle nationalistische Rambos, könnte das zu einer Selffulfilling prophecy führen, die doch keiner will.

ZEIT: Es gibt doch genug Studien über Rechtsradikalismus in Deutschland. Ist die Bundeswehr nicht ein Spiegel der Gesellschaft?

GESSENHARTER: Das genau darf die Bundeswehr nicht sein. Wenn gesagt wird, Rechtsradikalismus sei nun mal eine normale und bis zu einem gewissen Grad zu ertragende Krankheit von Industriegesellschaften, dann kann dies nicht für die Bundeswehr gelten. Jeder dort hat, im Gegensatz zum Rest des Volks, einen Eid geleistet, die Demokratie zu schützen.

ZEIT: Nimmt die Bundeswehr das Thema Rechtsradikalismus wirklich ernst, oder ist die derzeitige Empörung nur Imagepolitur?

GESSENHARTER: Meine Studenten und wohl auch große Teile der Führung sehen es als ernsthafte Gefahr und fragen sich, was sie dagegen tun können. Die Wachsamkeit könnte aber wieder abnehmen, wenn keine weiteren rechtsradikalen Umtriebe bekanntwerden. In diesem Fall wäre die Bundeswehr in der Tat Spiegel der Gesellschaft: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das Gespräch führten Wulf Schmiese und Hubert Wetzel