Stimmt. Die Anregung für die Folge dieser Woche stammt von den drei Aachener Physikstudenten André Stebens, Michael Töpler und Max Bisani. Sie fragen per E-Mail an: "Macht Lesen bei schlechtem Licht die Augen kaputt?" Außerdem treibe sie die Frage um, ob sie von der brummenden Neonbeleuchtung in ihrem Institut schädliche Wirkungen zu befürchten hätten.

Reden wir erst einmal vom schwachen Licht. Die Studenten tippten übrigens auf "Stimmt nicht" und befinden sich damit in Übereinstimmung mit allen medizinischen Ratgebern. Dort steht, die Warnung unserer Mütter und Väter ("Kind, lies doch nicht bei diesem Schummerlicht, du verdirbst dir ja die Augen!") sei unberechtigt. Zwar könne Lesen bei schlechter Beleuchtung zu Augenbrennen, Ermüdung und Kopfschmerzen führen - eine dauerhafte Schädigung der Augen sei jedoch ausgeschlossen. Nur eine Überdosis Licht könne gefährlich sein, zuwenig Licht niemals.

Aber hat das jemals jemand überprüft? Und wie überprüft man das? Man kann natürlich Fehlsichtige reiferen Alters befragen, ob sie in ihrer Kindheit viel mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen haben - sehr objektiv ist das allerdings nicht. Privatdozent Frank Schaeffel, Neuroophthalmologe an der Tübinger Uniklinik, ging einen anderen Weg: Er stellte Versuche mit Hühnern an. Die können bekanntlich nicht lesen, doch kann man studieren, ob ihre Augen schlechter werden, wenn sie längere Zeit in ständigem Dämmerlicht leben müssen. Und siehe da: "Geringe Helligkeit des Bildes auf der Netzhaut in Zusammenhang mit geringem Bildkontrast führen im Tiermodell des Huhns zu Kurzsichtigkeit." Für diese Forschungen erhielt Schaeffel 1996 sogar den mit 250 000 Mark dotierten Max-Planck-Forschungspreis.

Zum zweiten Teil der Frage unserer drei Leser, nämlich dem Flackern von Neonröhren, bemerkt Schaeffel, daß unser Auge zu träge ist, deren Frequenz von fünfzig Hertz überhaupt aufzulösen. Und auch bei seinen Hühnern, die ein so schnelles Flackern sehr wohl wahrnehmen können, hätten sich nie negative Folgen gezeigt.

Es ist also Zeit für eine Entschuldigung bei allen Eltern, über deren Alltagsweisheiten schon gespöttelt wurde. Diesmal, liebe Eltern, seid ihr im Recht! Und durch die Forschungsergebnisse, die an Schaeffels Hühnern gewonnen wurden, läßt sich vielleicht endlich auch erklären, warum so viele Intellektuelle eine Brille tragen: Sie haben als Kinder einfach zuviel unter der Bettdecke gelesen.