Nein, von rechtsradikalen Machenschaften dieser Qualität hat man in der "alten" Bundesrepublik nichts gehört. Gewiß, eine rechtsradikale Minderheit, die von einem größeren nationalkonservativen Umfeld augenzwinkernd geduldet wurde, hat es auch in der Bundeswehr früherer Jahrzehnte gegeben. Aber das Ausmaß und die Dreistigkeit der rechtsradikalen Aktivitäten von heute sind neu. Wir haben es mit einem Tabubruch zu tun. Eine Reihe von Soldaten testet offenbar aus, wie weit sie heute im Milieu der Bundeswehr gehen kann.

"Alles, was nicht arisch ist und in Deutschland lebt, gehört erschossen oder in die Gaskammer." Es war ein Kapitänleutnant der Reserve der Bundeswehr, der vor seinen Untergebenen diesen rassistischen Mordphantasien freien Lauf lief.

Geschehen vor ein paar Jahren auf einem Schiff der Bundesmarine. Der Mann wurde erwartungsgemäß hart bestraft. Was dem Fall über den Tag hinaus jedoch eine beklemmende Bedeutung verleiht, ist der Tatbestand, daß dieser Reserveoffizier offenbar der Ansicht war, im Milieu einer Marinebesatzung könne er sich skandalöse Sprüche dieser Art leisten.

Bei den Fallschirmjägern im bayerischen Altenstadt wurde jahrelang "Führers Geburtstag" gefeiert mit Nazifahnen, Hitler-Bildern, dem Horst-Wessel-Lied und NS-Propagandafilmen. Man beging auch den 1. September als Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 sowie den 20. Mai als den Tag, an dem deutsche Fallschirmjäger im Jahre 1941 auf Kreta landeten. Ob sie wissen, daß die Wehrmachttruppen auf der griechischen Insel Kreta eine wahre Schreckensherrschaft errichteten? Daß sie dort mordend, sengend und plündernd über zahllose Dörfer herfielen und Tausende von Zivilisten unter dem Vorwand von "Sühnemaßnahmen" als "Banditen" töteten? Ob sie nicht mehr feiern würden, wenn sie es wüßten? Jedenfalls glaubten auch besagte Fallschirmjäger der Bundeswehr, sich Führer-Andachten und Wehrmachtnostalgien leisten zu könnnen.

Sie versteckten ihr Tun nicht einmal sonderlich.

Dem Auftritt des schwerkriminellen Neonazis Roeder in der renommierten Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg liegt ein ähnliches Verhaltensmuster zugrunde. Der einladende Oberst und die etwa dreißig Offiziere des Stammpersonals dieser Generalsschmiede, die den Vortrag Roeders hörten, vermuteten ebenfalls, sie könnten sich diesen Besucher leisten. Sie dinierten und parlierten mit ihm. Den Bericht des Neonazis über die neueste Variante des "deutschen Drangs nach Osten", nämlich eine privat organisierte Regermanisierung der russischen Region Kaliningrad, ehemals Ostpreußen, fanden sie informativ und lobten anscheinend sogar den Idealismus des rechtsradikalen Redners.

Diese und die vielen anderen Fälle haben einen gemeinsamen Nenner: Etliche Soldaten verstehen die seit 1990 von politischer Seite verkündete "Neue Normalität" als Erlaubnis zum Rückgriff auf Traditionen aus der Zeit des deutschen Sonderwegs vor 1945, besonders auf Traditionen der Wehrmacht des NS-Staates. Beginnend mit dem Historikerstreit von 1986/87, verstärkt seit der deutschen Einigung von 1989, häufen sich in der hiesigen Öffentlichkeit die Relativierungen und Beschönigungen des NS-Gewaltregimes. Daran beteiligen sich nicht nur die alten Rechtsextremisten, sondern auch Publizisten, Hochschullehrer und Militärhistoriker, die man bislang noch zum demokratischkonservativen Lager rechnete.

Der Geschichtsrevisionismus blieb im militärischen Milieu nicht folgenlos.

Für rechtsextremistisches Denken anfällige Soldaten, die bislang wußten, daß sie sich zurückhalten mußten, wollten sie ihre Karriere nicht gefährden, sahen sich nun ermutigt. Die Vielzahl der "besonderen Vorkommnisse mit rechtsradikalem Hintergrund" aus den letzten Jahren ist insoweit auch zu lesen als ein Verwischen der Grenzen zwischen konservativen und rechtsradikalen Positionen. Manche sehen sich legitimiert, nun wieder braunes Theater spielen zu dürfen.

Was die Bundeswehr angeht, so wird im Zeichen der "Neuen Normalität" mit der Perspektive weltweiter Militäreinsätze das Traditionsproblem neu vermessen.

Damit aber kommt die Wehrmacht der NS-Zeit in einer ganz anderen Weise ins Spiel, als dies aufgrund der Traditionserlasse und Ministerreden eigentlich sein sollte.

Die Verantwortlichen tun gut daran, sich zu vergegenwärtigen, in welchem Ausmaß die Wehrmacht allen anderslautenden politischen Vorgaben zum Trotz die Truppentradition geprägt hat. Die große Mehrheit der sogenannten Traditionalisten in der Bundeswehr, gegen deren Einfluß die Militärreformer um den Grafen Baudissin letztlich nie eine Chance hatten, verfochten über die Jahrzehnte hinweg ein positives, vom Nationalsozialismus künstlich abgehobenes Bild der Wehrmacht. Diese Erinnerungsstrategie wurde von den Generälen der Wehrmacht noch während des Zweiten Weltkrieges entworfen, im Zuge der Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg und anderswo praktisch angewendet und in den Generalsmemoiren der fünfziger Jahre zu öffentlicher Wirksamkeit gebracht. Die - dem Kalten Krieg und der Wiederbewaffnung geschuldeten - Ehrenerklärungen Eisenhowers und Adenauers für die Masse der Wehrmachtsoldaten von 1951/52 prägten das geistige Klima der Bundeswehr in ihrer Aufbauphase. Seinerzeit griffen die Truppenkommandeure bei der Namensgebung von Kasernen wie selbstverständlich auf hitlertreue Generäle der Wehrmacht zurück. Das zähe Festhalten an Namen wie Dietl und Kübler bis in die allerjüngste Vergangenheit hinein läßt den enormen Einfluß der Traditionalisten innerhalb der Bundeswehrführung erkennen.