Im Mai 1951 betrat Heinrich Böll die literarische Szene - immerhin schon reichlich 33 Jahre alt, denn er war am 21. Dezember 1917 geboren, in Köln natürlich. Zwar hatte er schon zwischen 1949 und 1951 zwei Erzählungen und einen Roman veröffentlicht aber die waren bei einem größeren Leserpublikum nicht durchgedrungen. Jetzt jedoch hatte ihn Frau Toni Richter zur Tagung der Gruppe 47 in Bad Dürkheim eingeladen (für die erste Garnitur schrieb Hans Werner die Einladungen selber), und gleich im ersten Anlauf gewann er den zum zweitenmal verliehenen Preis der Gruppe 47. Er hatte eine Erzählung "Die schwarzen Schafe" vorgelesen. Beinahe die Hälfte der anwesenden Stimmberechtigten war über diese mit der Mehrheit von einer Stimme getroffene Entscheidung unglücklich, um es milde auszudrücken.

Böll war glücklich. Die tausend Mark befreiten den noch kaum bekannten Schriftsteller von den dringendsten der damals immer akuten Finanzsorgen.

Viel wichtiger jedoch war: Böll wurde über Nacht ein bißchen berühmt. Er rückte auf in die erste Garnitur. Und er bekam einen Autorenvertrag von Kiepenheuer & Witsch, damals noch einer der wichtigsten unabhängigen literarischen Verlage.

Nunmehr umworben, kühlte sich sein Verhältnis zur Gruppe 47 spürbar ab. Seine Gruppe war die Familie (Ehefrau Annemarie, geborene Cech, die Söhne Raimund, René und Vincent), waren noch ein paar persönliche Freunde. Aber die Rolle des Repräsentanten und Vorzeigeautors lag ihm gar nicht. Ich habe ihn danach oft getroffen, nicht zuletzt dadurch, daß er unter dem Namen Lohengrin eine Kolumne "Briefe aus dem Rheinland" für die ZEIT schrieb. Aber ich bin ihm nie auf einer Tagung der Gruppe 47 begegnet meistens war er nicht da, manchmal ich nicht. Am Ende waren wir ganz einig darin, warum wir wegblieben. 1964 zur Tagung in Sigtuna. Böll fragt Hans Werner Richter: "Muß es Schweden sein? Und so viel Publicity?" 1966 zur Tagung in Princeton. Böll an Hans Werner Richter: "Du weißt, daß mir die Auslandsbetriebsausflüge der Gruppe 47 gar nicht gefallen."

Princeton war das Ende der Gruppe 47. Heute sieht man das deutlicher als damals. Eine neue, junge Generation bestimmte das literarische Leben oder was davon übriggeblieben war. Der Wechsel wird, auch faktisch, aber doch eher symbolisch, an dem Namen Peter Handke festgemacht. Böll hat damit nichts mehr zu tun. 1972 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Eins habe ich, da ich doch meistens auf seiner Seite stand, ihm ungern verziehen.

Kandidat neben ihm war ja Günter Grass. Was ich ihm schwer verzeihen konnte, war: daß er in seiner Stockholmer Dankrede nie hervorhob, was er anderen, was er der Gruppe 47 verdankte. Der einzige darauf beziehbare Satz genügt mir nicht: "Danken möchte ich auch für viel Ermutigung durch deutsche Freunde und deutsche Kritiker." Er wollte sich eben nie als "Repräsentant" sehen, auch nicht als Repräsentant deutscher Nachkriegsliteratur.

Schließlich war er ja auch noch mittendrin in einer heftigen Auseinandersetzung, in der ihm vorgeworfen wurde, vor allem von der CDU/CSU und den diesen Parteien zuneigenden Medien, er sei eigentlich gar kein Bürger der Bundesrepublik, er sympathisiere mit Terroristen, die diese Republik bekämpften. Die Rede ist von seinem Artikel "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit", der am 10. Januar 1972 im Spiegel erschienen war. Eher gut gemeint als gut. Böll war ein ungewöhnlich anständiger Mensch, aber kein politischer Denker. (Beispiel ein Brief an Hans Werner Richter vom 19. Februar 1966: "Laßt also endlich und endgültig Eure Finger von dieser miesesten aller Parteien: der SPD." Nach Willy Brandt sah er's anders.) Die Art, wie nun alle von der konservativeren Seite über ihn herfielen, war auch weder christlich noch demokratisch. Er hat sehr darunter gelitten - um so mehr, je mehr er erkennen mußte, wie entsetzenerregend die von ihm in Schutz genommene Rote Armee Fraktion gegen sein höchstes Gebot, gegen den Frieden, zu verstoßen drohte.

Das durfte um so weniger ausgelassen werden, als es den Anstoß gab zu einer seiner aufregendsten Erzählungen: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Es ist so schwer, über Böll keine Biographie zu schreiben. Aber da er doch vor allem Schriftsteller war und eigentlich (belastet von vielen Ämtern und Doktoraten ehrenhalber) nichts anderes als Schriftsteller sein wollte, sind auch in der gebotenen Kürze zwei Anmerkungen nötig.

Die "Jury" der Gruppe 47 hatte gar nicht so schlecht entschieden. Bölls "Schwarze Schafe" gehören zu den noch heute am besten lesbaren Erzählungen, die man "Satiren ohne Bösartigkeit" nennen könnte. Bösartig war Böll nie. Im persönlichen Umgang einer der angenehmsten Zeitgenossen, denen ich je begegnet bin: immer zurückhaltend, ohne jede Eitelkeit oder gar Arroganz.

"Den guten Menschen von Köln" nannten sie ihn und meinten es nicht immer so anerkennend, wie es das Gute eigentlich verdient. In die Schaf-Kategorie gehören vor allem zwei weitere Erzählungen: "Nicht nur zur Weihnachtszeit" und "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen".

Vielleicht war Böll als Erzähler besser als dann, wenn er all seine Erzählungen in die Dimensionen eines Romanes streckte wie zum Beispiel in "Gruppenbild mit Dame" (1971), das freilich von einigen Kritikern besonders hoch geschätzt wird. Andererseits wurde "Billard um halbzehn" (1959) von Marcel Reich-Ranicki erhoben zu "jener Größe, die man bei den deutschen Schriftstellern seiner Generation vermißt hat".

Der gleiche sehr geschätzte Literaturkritiker (damals der ZEIT) ließ freilich an den "Ansichten eines Clowns" (1963) das junge Liebespaar (so was hat er immer gern), aber sonst so gut wie nichts gelten. Die Proteste unserer Leser wie unserer literarischen Mitarbeiter gingen haufenweise im Pressehaus ein.

Daraufhin entschlossen wir uns, etwas zu tun, was man damals (ein bißchen Hartnäckigkeit vorausgesetzt) noch tun konnte und was auch in allen Nachbargazetten nach Gebühr gerügt wurde: Wir druckten in der ZEIT nach der Originalrezension noch sieben weitere: Joachim Kaiser, Werner Ross, Ivan Nagel, Walter Widmer, Rudolf Augstein, Reinhard Baumgart und Rudolf Walter Leonhardt. Dazu brachten wir noch Zitate aus zwölf Kritiken anderer Zeitungen. Das war eine Lehrstunde, in Sachen Böll wie in Sachen Kritik. Sie zu resümieren ist mir hier nicht gestattet. Wir leben nicht mehr in Acht-Kritiken-Zeiten. Ich darf nur noch Urs Jenny zitieren, der sich durch unser Unternehmen auf die richtige Weise inspiriert fühlte und in der Weltwoche schrieb: "Ich griff endlich beruhigt zu dem Buch selbst. Nach spätestens zehn Seiten hatte ich sämtliche Kritiken vergessen mit Anteilnahme und Entzücken las ich den Roman in einem Zug zu Ende." Und ich habe gerade während dieses Wochenendes, beim Referieren statt Rezensieren, einen Test gefunden, den ich zur Nachahmung empfehle. Ich habe mich gefragt: Wen aus dem ganzen, doch recht zahlreichen Böll-Personal kennst du eigentlich noch mit Namen? Und siehe da: gleich nach dem unvergeßlichen Doktor Murke kam Hans Schnier, der Clown.

Das Schlußwort bleibe dem heute auch schon fast vergessenen Carl Zuckmayer überlassen. In dem Marcel Reich-Ranicki zu dankenden Sammelband "In Sachen Böll" (1968) schrieb der Zuck: "Er ist wohl unter den Schriftstellern seiner Generation ... nicht der wortgewandteste, fülligste oder brillanteste. Aber mir scheint, daß seine Sprache, auch seine Erzählweise, die reinste, sauberste und eindrücklichste in der neueren deutschen Literatur ist."

Wes das Pensum voll ist, dessen Herz hat zu schweigen.