Eben war er noch mausetot, staatsmännisch eingesargt im Berliner Ensemble, für alle Zeit verräumt in der demnächst vollendeten dreißigbändigen "Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe", ein Repertoire-Zuchtmeister mit bescheidenen kreidestaubigen Qualitäten, und dann diese triumphale Wiederkehr: Ein Professor aus Amerika, bekennender Feminist dazu, rettet Bertolt Brecht für die Nachwelt. Erhebt den einstmals größten deutschen Autor aus der Vergessenheit, entreißt ihn dem bürokratischen Klammergriff der Erben und Rechteverwalter und präsentiert einen richtigen Menschen, einen, der raucht, boxt, Gitarre spielt, in der Weltgeschichte spazierenfährt und offenbar schrecklich viel herumvögelt. Geschrieben aber hat er eher wenig.

Das nämlich ist die Kampfthese, mit der sein Biograph John Fuegi seit vielen Jahren durch die Germanistik und seit kurzem auch durchs populärere Programm reitet.

Seitdem John Fuegi im Sommer 1994 "The Life and Lies of Bertolt Brecht" enthüllte, weiß auch der Leser der Bild-Zeitung, daß Bertolt Brecht die Seife scheute wie andere Teufel das Weihwasser, daß er sich als junger Mensch "im Zustand der Dauererregung, aber in München ohne Frau" bewegte und daß er schließlich auf eine ausgesucht niederträchtige Abhilfe verfiel: "Für den einundzwanzigjährigen Brecht standen die Prioritäten fest: seinen Trieb zu befriedigen, gratis oder geg en Gebühr, seine Arbeiten (vermischt, wie sie waren, mit den Arbeiten anderer) veröffentlicht und honoriert zu bekommen berühmt wollte er werden, ein eigenes Auto fahren und nach Möglichkeit auch ein wenig Geld für Bi verdienen."

Der Dichter des "Baal", lernen wir Nachgeborenen daraus, war schon ein rechtes Schwein. Andererseits aber auch ein ziemlich linkes Schwein, denn als Sympathisant der Kommunisten schwieg er zu Stalins Säuberungen, ließ sich von der DDR ein Theater schenken und machte obendrein vor dem Ausschuß für unamerikanische Umtriebe in Washington unwahre Angaben. Am schlimmsten aber - und da bekommt Brecht eine richtig moderne Verbrechervisage -, dieser Pascha ließ die Frauen für sich arbeiten, spielte sie gegeneinander aus, beanspruchte die Autorenschaft an Stücken und Songs, die er gar nicht geschrieben hatte, und gab ihnen im Zweifel nichts ab von seinen Tantiemen-Millionen.

Beim Erscheinen der englischen und amerikanischen Ausgabe wurde Fuegi für seine grundsätzliche Laxheit in Fragen wissenschaftlicher Seriosität ein bißchen gezaust (vgl. ZEIT Nr. 33/1994), bei einem Auftritt in Deutschland ein halbes Jahr später wehrte er alle Einwände gegen sein Patchwork aus Fakten und Ressentiment ab, obwohl ihm das Brecht-Jahrbuch, das Fuegi einst mitgegründet hatte, in der Ausgabe 1995 auf einhundertfünf Seiten eine vorläufige Liste seiner Fehler, Verdrehungen, Zitatverfälschungen, Unterstellungen und Mißverständnisse vorgelegt hatte.

Jetzt ist dieses Werk "erweitert und berichtigt" auf deutsch herausgekommen und tatsächlich ein Fortschritt. Anders als Brecht nennt Fuegi seinen Redakteur und Mitarbeiter Sebastian Wohlfeil auf der Titelseite. Den Platz hat er sich redlich verdient, mußte er doch an die Originalquellen, die Fuegi nur Englisch wiedergab und häufig mißverstand. Allein diese Arbeitsleistung ist bewundernswert, der Band selber für heutige Buchwirtschaftsverhältnisse sogar ungewöhnlich edel geworden.

Viele Fehler der Mängelliste sind stillschweigend bereinigt worden, darunter auch die mantramäßig wiederholte Suggestion, die Brecht-Tochter Barbara stamme nicht von Helene Weigel, sondern von Brechts Haushälterin Mari Hold.