Auf der Computermesse Cebit in diesem Frühjahr versprühte Manfred Schmitt noch Optimismus pur: "Wir dürfen die erfreuliche Mitteilung machen, daß Hagenuk seit fünf Jahren das erste Mal wieder profitabel arbeitet - der Turn-around ist geschafft."

Das war wohl reichlich voreilig. Anfang Dezember stellte die Geschäftsführung des 1899 gegründeten Kieler Traditionsunternehmens den Vergleichsantrag. Der 46jährige Schmitt, ein Selfmade-Unternehmer aus dem hessischen Heppenheim, hat die Probleme, die aus dem dramatischen Preisverfall bei Handys und Schnurlos-Telephonen für seine Hagenuk Telecom GmbH mit Sitz in Kiel resultierten, offenbar völlig unterschätzt. Eklatante Managementfehler haben den Abstieg des einst renommierten Telephonherstellers beschleunigt.

Heute ist es gespenstisch still in den großen Fertigungshallen am Kieler Westring. Weil wichtige Zulieferteile fehlen, ruht die Produktion schon seit Wochen. Jetzt leckt sich die Konkurrenz die Finger nach dem hochkarätigen Know-how der Kieler. Siemens und Motorola versuchen mit ganzseitigen Anzeigen in der lokalen Presse, Hagenuk-Leute abzuwerben. Headhunter stürzen sich auf Entwicklungsingenieure, die sich einen sicheren Arbeitsplatz wünschen.

Im Oktober 1995 hatte Schmitt - damals noch Chef der finanziell angeschlagenen Computerhandelskette Escom - als Privatmann sämtliche Hagenuk-Anteile von der Preussag übernommen und den Hannoveraner Mischkonzern damit von einem ebenso ärgerlichen wie teuren Sanierungsfall befreit. Denn der ehemalige Hoflieferant der Deutschen Bundespost hatte es schlicht verschlafen, sich nach dem Wegfall des Endgeräte-Monopols auf den knallharten Wettbewerb im Telekommunikationsgeschäft einzustellen, und sich zu lange auf alten Erfolgen ausgeruht. So hatten die Kieler zusammen mit Siemens bereits 1975 das erste Tastentelephon für den deutschen Markt entwickelt, später galt der Name Hagenuk als Synonym für schnurlose Telephone.

Schmitt wollte alles besser machen, räumte in der Chefetage auf, und verkündete die neue Devise: Wachstum um jeden Preis. Hagenuk, bis dahin nur in Deutschland ein Begriff, sollte Weltunternehmen werden. Schmitt warnte seine Geschäftsführerkollegen und die Belegschaft: "In diesem Markt gibt es welche, die fressen, und welche, die gefressen werden. Wir müssen jetzt entscheiden, auf welcher Seite wir stehen wollen." Schmitt wollte fressen.

Doch der Multimedia-Visionär, spätestens seit der spektakulären Escom-Pleite 1996 in der Branche bekannt wie ein bunter Hund, überschätzte ganz offenbar die Möglichkeit, internationalen Konzernen wie Siemens, Nokia oder Motorola Marktanteile in dem heiß umkämpften Bereich der Mobiltelephone abzujagen.

Gelingen sollte das mit Hilfe einer Weltneuheit - des Hagenuk "Global-Handys". Weil dessen Antenne voll in das Gehäuse integriert ist, reduziert sich die elektromagnetische Abstrahlung im Kopfbereich, die im Verdacht steht, Krebs auszulösen. Doch aufgrund von Softwareproblemen kam das bereits 1994 angekündigte Gerät erst Ende 1996 auf den Markt - und damit ein entscheidendes Jahr zu spät. Denn in der Zwischenzeit hatte die Konkurrenz bereits leichtere und handlichere Telephone mit höheren Leistungen entwickelt, die zudem noch deutlich billiger waren als die Kieler Wertarbeit.