Das fängt ja gut an, bevor es überhaupt angefangen hat. Am 10. Februar 1998 jährt sich Brechts Geburtstag zum hundertsten mal, und schon gibt es ein heftiges Rumoren. Anlaß ist die voluminöse Brecht-Biographie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers John Fuegi. Seine Angriffe auf den geheiligten Klassiker lassen die Gemeinde zusammenrücken. Die Berliner Akademie der Künste, wo Fuegi sein Buch vorstellen sollte, hat die verabredete Lesung abgesagt, unter Angabe fadenscheiniger Gründe. In gleicher Weise verwehrte das Berliner Ensemble, dieser eingetragene Verein zur Pflege des Ruhmes von Bertolt Brecht, dem Renegaten Fuegi den Zutritt.

Ausgerechnet der Dichter, der die Widersprüche dieses Jahrhunderts auf die widersprüchlichste Weise verkörpert, soll vom Widerspruch ausgenommen sein? Berlin war die Stadt Brechts, und Berlin müßte der Ort sein, wo der fällige Streit über den Fall Brecht geführt wird.

Der Fall Brecht: Er betrifft weniger Fuegis pseudofeministische Frage nach dem Ausmaß der sexuellen Hörigkeit, dem sich die Mitarbeiterinnen in Brechts factory unterworfen sahen. Denn selbst wenn es wahr ist, daß die "Dreigroschenoper" fast vollständig und andere Stücke hauptsächlich aus der Schreibmaschine Elisabeth Hauptmanns stammen, so ist es doch auch wahr, daß sie ohne Brechts antreiberische Energie nie zustande gekommen wären. Und warum schreiben die Frauen des Hauses Brecht alle wie Brecht?

Es geht nicht darum, ob Brecht privat ein eher angenehmer oder unangenehmer Mann war. Dichter müssen nicht sympathisch sein, und sie sind es oft nicht. Nein, Brechts Fall ist der aufhaltsame Aufstieg des kommunistisch verstrickten Intellektuellen. Die massivsten Einwände gegen Brecht liefert ja Brecht selber. "Wer für den Kommunismus kämpft, der muß kämpfen können und nicht kämpfen; die Wahrheit sagen und die Wahrheit nicht sagen; Versprechen halten und Versprechen nicht halten. Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: daß er für den Kommunismus kämpft." Solche Sätze, aus dem stalinistischen Lehrstück "Die Maßnahme", hatten einst die Verführungskraft der Eindeutigkeit.

Heute Brecht zu lesen, heißt, einem großen Lyriker zu begegnen und einem der anregendsten Köpfe. Es heißt aber auch, über die fürchterliche Simplizität mancher Texte zu erschrecken, über die halb infantile, halb virile Lust am Zynismus, über die Beseitigung der konkreten Moral im Namen einer Idee, heißt sich wundern über eine Zeit, da man selber berauscht war von des Marxismus Maienblüte, dessen schneidende Parolen Brecht intonierte.

In der "Sonnenfinsternis" hat Arthur Koestler beschrieben, was passiert, wenn der Mensch durch den Begriff Menschheit ersetzt wird: Er wird ersetzbar. Die Rechtfertigung des Menschenopfers ist Thema der "Maßnahme" und anderer Lehrstücke. Brecht wußte genug über den Stalinismus, aber er war nie imstande, daraus jenen Schluß zu ziehen, den die großen Renegaten, von Manés Sperber bis Ignazio Silone, gezogen haben. Er war ein Opportunist. Für die Beurteilung des Werks spielt das keine Rolle, wohl aber für die eines Intellektuellen, der einen erheblichen politischen und literarischen Einfluß hatte. Noch heute ist er einer der am meisten gespielten Klassiker.

In einem Augenblick, da das in Frankreich erschienene Schwarzbuch über die Verbrechen des Kommunismus der tot geglaubten Totalitarismustheorie zu neuer Plausibilität verhilft, steht der Fall Brecht, stellvertretend für viele andere, zu neuer Diskussion an. Sie heute zu führen, sollte leichter sein als in jener tödlich blockierten Zeit, in der es nur die Falle des Entweder Oder zu geben schien: Entweder Antifaschist oder Antikommunist.