Ein kalter Mond glänzt über der Hochebene von Chihuahua. Manchmal tauchen Siedlungen auf, kleine Lichtpfützen in der Dämmerung. Dann rattert die Eisenbahn wieder durch endlose Steppe, eine Kakteenlandschaft, wie man sie aus Western kennt. Fünf Stunden braucht der Zug für die 150 Kilometer lange Strecke von Chihuahua bis nach Cuauhtémoc, einer Stadt im Nordwesten Mexikos.

Weizen, Mais, Hafer und Bohnen wachsen auf Tausenden Hektar Ackerland, die aus großen Staubecken bewässert werden. Die herausgeputzten Dörfer sind zwischen Apfelplantagen gebettet; zur Blüte wirkt die Region fast wie eine Fata Morgana inmitten der Steppe. Und noch eine Besonderheit hat Cuauhtémoc. Hier spricht man deutsch, seit 1922 eine Gruppe von Mennoniten in die Hochebene kam, um eine neue Siedlung zu gründen.

In 75 Jahren konnte die Gemeinschaft die Steppe bezwingen. "Die Mennoniten sind sehr fleißig", sagt eine Mexikanerin, die unterwegs zugestiegen ist. Sie zeigt aus dem Fenster auf einen Maschinenpark, wo Traktoren und Mähdrescher ordentlich aufgereiht sind. Die Frau erzählt, daß sie in Cuauhtémoc sei, Geld für ihre Kinder zu verdienen. Während der Apfelernte wird sie für harte Arbeit gut bezahlt: "Die Mennoniten sind anständig. Es ist in Ordnung, für sie arbeiten zu können."

Eine hohe Arbeitsmoral gehört zur Tradition der 40 000 Deutschstämmigen, die in Mexiko als hombres de la fe y el trabajo beliebt sind, als Menschen von Glauben und Fleiß. Die Lehre des Menno Simons, ihres Religionsgründers, hatte sich zur Zeit der Reformation in Deutschland ausgebreitet. Die Mennoniten halten sich streng an die Zehn Gebote, lehnen Kindertaufe, Scheidung und Wehrdienst ab. Sie haben eigene Schulen und erkennen keine Staatsgewalt an, was bedeutet, daß sie auch nicht wählen dürfen.

Ihre Distanz zu den weltlichen Mächten bewirkte, daß die Mennoniten seit dem 17. Jahrhundert immer wieder von der Obrigkeit verfolgt wurden. So mußten sie stets in neue Länder auswandern: Von Deutschland zogen sie in die Niederlande, nach Polen, Rußland, in die USA und nach Kanada. Doch Kultur und Sprache der alten Heimat haben sie in der Fremde bewahrt.

Alleen wie in Norddeutschland führen durchs Umland von Cuauhtémoc. In der Ferne sind die Lichter der campos auszumachen: 150 kleine Mennonitendörfer liegen in der Ebene verstreut. An einem Weizenfeld quietschen die Bremsen. Der Zug hält an, um Passagiere aufzunehmen. Zwei Männer kommen ins Abteil. Der Junge, hellblond, trägt Jeans und Sweatshirt, sein Großvater die Tracht der Mennoniten: blaue Latzhose über dem Karohemd.

Um 1920 hatten die Mitglieder der Old Colony Reinland Mennonite Church beschlossen, ihre damalige Heimat Kanada zu verlassen. Ein Konflikt mit der Regierung um die allgemeine Schulpflicht hatte den Ausschlag gegeben. Unter der Leitung des Predigers Julius Lowen wurden fünf Männer ausgeschickt, um auf dem Kontinent neue Territorien zu finden, eine Heimat, wo man Respekt vor ihrer Kultur und Religion garantieren würde.