Noch sind die Schönhubers bei uns weniger erfolgreich als Le Pen oder Haider bei unseren Nachbarn. Wo jedoch das tägliche Fernseherlebnis von gewalttätigen Rambos zu jugendlicher Gewalt und zu Waffen in den Schulen geführt hat, dort bringen die jungen Leute ihre unzivilisierten Haltungen und Idole anschließend in die Bundeswehr mit. Auch die Ausländerfeindlichkeit ist in zumeist jugendlichen Teilen einer durch ziellose, aber massive Einwanderungspolitik überforderten Gesellschaft entstanden, nicht in den Streitkräften. Nicht die Truppe ist die Quelle unserer heutigen Fehlentwicklungen, die Streitkräfte sind wesentlich von außen infiziert. Diese Ansteckung ist gefährlich. Sie darf genausowenig verharmlost werden wie die Gewaltbereitschaft, die nach 1968 in Teilen unserer Jugend - nicht in der Armee! - entstanden war. Die Täter der RAF waren zwar auch nur Einzelfälle, aber eine weitverbreitete "klammheimliche" Gesinnung lag zugrunde.

Die Gesinnung der Soldaten und ihrer Offiziere und Unteroffiziere kann man nicht von oben durch Befehle, Erlasse und Dienstvorschriften regulieren. Man kann Fehlentwicklungen auch nicht unterbinden durch Denunziation und Schnüffelei zwecks anschließender Maßregelung. Sondern man braucht Vorbilder - nicht des Heldentums, sondern des Verantwortungsbewußtseins und der Zivilcourage. Zivilcourage ist in jeder notwendig auf Befehl und Gehorsam gegründeten Armee eine seltene Tugend. Deshalb müssen alle Vorgesetzten zum Dialog zwischen unten und oben ermutigt werden.

Einer der Grundpfeiler jeder Demokratie ist das doppelte Prinzip von streitiger Diskussion einerseits und andererseits allgemein akzeptierter Gültigkeit eines mit Mehrheit beschlossenen Gesetzes. Nicht anders für Generale oder Majore oder Feldwebel: zunächst offene Beratung, dann Entschluß und Anordnung durch den verantwortlichen Vorgesetzten. Eine Armee im Frieden "bedarf des Elementes der freien Diskussion" - so schon 1970 das damalige Weißbuch. Erziehung erwachsener Menschen geschieht wirksam nur durch Gespräch, Diskussion und Beispiel.

Unabhängig von den heute fälligen Untersuchungen durch den Verteidigungsminister und den Verteidigungsausschuß sollte Volker Rühe sich deshalb die Motive, den Verlauf und die Ergebnisse der "kritischen Bestandsaufnahme der Bundeswehr" zu Beginn der sozialliberalen Koalition ansehen. Die damalige "Selbsterforschung der Bundeswehr" geschah mittels einer großen Zahl von Diskussionstagungen, an denen von den Generalen bis zu den Leutnants und Unteroffizieren Tausende Soldaten aller Dienstgrade beteiligt waren, und mittels einer sehr großen Zahl von Eingaben aus der Truppe (zu beiden mußten die Soldaten nachhaltig ermutigt werden).

Die Ergebnisse und Anregungen waren vielfältig und beeindruckend. Sie wurden anschließend von über 2000 Soldaten und zivilen Mitarbeitern ausgewertet und zum Bericht über den inneren Zustand der Bundeswehr verdichtet. Eine von 120 Konsequenzen, die danach gezogen wurden, war die Schaffung der beiden Bundeswehruniversitäten, die jeder Offizier vor seiner Lebenszeitanstellung mit Diplomabschluß absolviert haben mußte, damit seine Allgemeinbildung nicht hinter derjenigen einer Lehrerin oder eines Arztes zurückblieb.

Volker Rühe hat in fünf Amtsjahren beeindruckende Leistungen vollbracht. Die geräuschlose Eingliederung der Soldaten der ehemaligen DDR; die Umstrukturierung in Richtung auf gemeinsame Großverbände mit unseren Bündnispartnern und auf Eingreifverbände für UN-Fälle; die Bewältigung von vielerlei Umplanungen, die notwendig wurden aufgrund der sich mehrfach als unzuverlässig erweisenden Haushaltsplanungen seines Finanzkollegen. Es wäre ein Jammer, wenn Rühe heute die Notwendigkeit einer abermaligen Selbsterforschung unserer Armee verkennte.

Denn wie auch immer die Bundestagswahl 1998 ausgeht, Leute seines Kalibers werden auch anschließend gebraucht.