Lügen kann man, um die Wahrheit zu verbergen oder um diese gegen Widerstände durchzusetzen. Mit den Archivalien steht es ähnlich, wie jeder Historiker wissen kann. Die naive Vorstellung, daß geschehen (und obendrein wahr) sein soll, was irgendwie aktenkundig geworden ist, hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Ein Kabinettstück zur Illustration solcher alltäglicher Erfahrungen des Historikers im Umgang mit Akten, Fakten, Geschichten und Legenden erzählt Roberto Zapperi, Spezialist für die italienische Renaissance und die Geschichte der Päpste.

Im Mittelpunkt steht das Grabmal Alessandro Farneses, der von 1534 bis 1549 Papst war und sich Paul III. nannte. Guglielmo della Porta, ein Schüler Michelangelos, schuf das Grabmal nach den Vorstellungen des Auftraggebers, der sich als Friedensfürst sehen wollte, umgeben von vier allegorischen Frauenfiguren: Justitia (Gerechtigkeit), Prudentia (Klugheit), Pax (Friede) und Abundantia (Überfluß). Einigermaßen ungewöhnlich für ein Papstgrab in der Peterskirche: Zwei alte Frauen (Klugheit und Friede) wurden mit zwei jungen (Gerechtigkeit und Überfluß) kombiniert - zwei Figuren waren halb-, eine splitternackt. Nach der Weihung des Grabmals 1575 stieß sich zunächst niemand an den entblößten Brüsten der alten Frauen und auch nicht an der kleiderlosen Justitia. Montaigne lobte 1581 das Kunstwerk mit der "schönen Frau zu Füßen von Papst Paul III."

Doch Ende der achtziger Jahre des 16. Jahrhunderts kamen Gerüchte darüber auf, um wen es sich bei den vier Frauen handele. Die Legenden- und Gerüchtebildung nahm ihren Lauf und endete erst im 18. Jahrhundert, als man zu erkennen begann, daß Paul III. vielleicht tatsächlich nur seine kühne Absicht verschleiern wollte, vier wichtige Frauen aus seinem Leben (Konkubine, Mutter, Schwester und Tochter) auf seinem Grab zu vereinen. Die vielen Legenden und Skandalgeschichten enthielten demnach in ihrem Kerngehalt die Wahrheit, wenn auch in verballhornter Form. Zapperis Beweisgang für diese These überzeugt über weite Strecken.

Clemens VIII., einem dezidierten Vertreter der Gegenreformation, der 1592 Papst wurde, ging es nicht um Pauls III. Absichten, sondern um Zensur. Sein Kampf galt den Ketzern, aber vor allem auch der Sittenlosigkeit in den eigenen Reihen. Liebesgedichte Petrarcas fielen ebenso unter das Verdikt der Laszivität wie die Darstellung von Frauenkörpern in Malerei und Plastik.

Clemens VIII. aus dem aufstrebenden Hause Aldobrandini verlangte vom etablierten Clan der Farnese-Nachkommen, daß der nackten Justitia nachträglich ein Metallkleid geschneidert wurde. Später wurden Pax und Abundantia aus dem Petersdom entfernt und in den Palazzo der Familie Farnese überführt. Die nachträglich bekleidete Justitia blieb zusammen mit der Prudentia bis heute im Petersdom.

Roberto Zapperi verfolgt die Geschichte der Legenden- und Gegenlegendenbildung um die Identität der jungen Justitia und der alten Prudentia. Die protestantische Propaganda, aber auch katholische Feinde des Hauses Farnese sahen in den Frauen einfach Konkubinen des Papstes. Dafür lassen sich keine Belege beibringen. Der Dichter François Rabelais verfolgte als Sekretär eines französischen Bischofs die Spuren des Kardinals und späteren Papstes Alessandro Farnese und fand als erster den Namen jener Frau heraus, der die schöne Justitia auf dem Grabmal wahrscheinlich ihre Züge verdankt: Silvia Ruffini. Mit dieser Geliebten aus Jugendzeit zeugte der ledige Kardinal Alessandro Farnese, als er noch nicht dem Keuschheitsgebot der Geistlichen unterlag, eine Tochter und zwei Söhne. Diese ließ er päpstlich legitimieren, um die eigene Familie vor dem Aussterben zu bewahren.

Obendrein mußte kein Geringerer als Raffael ein Portrait des Kardinals malen, das diesen mit der wichtigen Urkunde in der Hand zeigt. Konsequenter als Farnese haben nur die Borgias ihre Vettern- und Klüngelwirtschaft betrieben.