Niemöller liest in letzter Zeit hauptsächlich katholische Literatur und steht, wie man behauptet, im Begriff, zum Katholizismus überzutreten. Das wäre das Allerbeste dann wäre er innerhalb des Protestantismus für uns keine Gefahr mehr."

Joseph Goebbels, von dem diese Notiz aus dem Herbst 1941 stammt, sollte sich täuschen. Martin Niemöller, Haupt der Bekennenden Kirche in Deutschland und "persönlicher Gefangener Hitlers" konvertierte nicht. So blieb er in den Augen der Nationalsozialisten eine ständige Gefahr. Deshalb hielten sie ihn bis zum bitteren Ende im KZ Dachau fest. Trotzdem lag Goebbels nicht ganz falsch. Tatsächlich war Niemöller in jenen Wochen und Monaten am Ende.

Zermürbt durch die Haftbedingungen und enttäuscht über die mangelnde Standfestigkeit seiner Kirche, überkamen ihn tiefe Zweifel am Protestantismus - zum ersten und wohl zum einzigen Mal in seinem Leben.

Das bestätigt jetzt auch Matthias Schreiber in seiner Biographie über den wehrhaften Kirchenmann. Schreibers Arbeit, in der verdienstvollen Reihe der rororo-Bildbiographien erschienen, ist kompetent recherchiert, gut geschrieben und vorzüglich bebildert. Knapp, aber nie verkürzend, einfühlsam, aber - wo angebracht - durchaus kritisch, verfolgt der Autor den Weg Niemöllers durch unser Jahrhundert vom späten Kaiserreich bis zur späten Bonner Republik, von der "deutschen Sendung" des blutjungen U-Boot-Kommandanten im Ersten Weltkrieg bis zur Inneren Mission, die der frischgebackene Theologe seit den frühen zwanziger Jahren in Westfalen leitete und die er als eine innere Mission mit völkischem Einschlag gegen den republikanischen Gei st der Weimarer Demokratie begriff. Sendungsbewußt und missionarisch sollte Niemöller sein Leben lang bleiben: Ob als Dahlemer Pfarrer und früher Sympathisant des Nationalsozialismus oder später als "Dahlemit" und entschiedener Gegner der rassistischen "Deutschen Christen".

Niemöller, der Radikale, der unter die Extremisten gefallen war, überstand Isolationshaft und Konzentrationslager. Die Nationalsozialisten konnten ihn nicht brechen. Auch nach 1945 blieb er ein bewundernswert mutiger und konsequenter, für viele aber auch irritierend widersprüchlicher Mann. Er wurde Kirchenpräsident, hatte im Ausland viele Kontakte und genoß dort überall großes Ansehen, daheim blieb er aber dem evangelischen Establishment zutiefst suspekt. Er sprach sich als einer der ersten für ein deutsches Schuldbekenntnis aus, gleichzeitig aber gegen die Art und Weise der Entnazifizierung, die in seinen Augen vornehmlich die Mitläufer traf. Er kämpfte gegen die Wiederbewaffnung und für die Wiedervereinigung, aber er tat es aus demselben protestantisch-preußischen Geist, dessen Ausschaltung der katholische Rheinländer Konrad Adenauer als Nebenwirkung der westdeutschen Staatsgründung billigend in Kauf nahm. Niemöller, einst aktiver Kämpfer gegen revolutionäre Arbeiter und rote Räte, sprach zuerst mit den Sowjets und trieb so Ostpolitik lange vor der neuen Ostpolitik. Auf seine alten Tage wurde der bodenständige Westfale sogar Kosmopolit - ein Viel- und Weltreisender in Sachen Ökumene.

Doch der Lebenslauf dieses geradlinigen Mannes hat auch dunkle Punkte. Sein Biograph verschweigt sie nicht. Niemöller habe, so Schreiber, "die Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus nur punktuell, nicht aber prinzipiell begriffen". Noch als Verfolgter zeigte er Sympathien für den außenpolitischen Kurs Hitlers, und sein Eintreten für die "Judenchristen" war nicht frei von opportunistischen Zügen. Das unterschied ihn von Karl Barth und besonders von Dietrich Bonhoeffer. Niemand übertraf Niemöller in seinem Engagement für den Frieden, aber ein Pazifist war und wurde er nie. Und das Wesen der Demokratie blieb dem zuletzt Vielgeehrten, der im März 1984 im gesegneten Alter von 92 Jahren starb, zeitlebens fremd.

Schreiber gibt seinem Charakterbild klare Konturen: eine geborene Führerfigur, charismatisch und kantig, weltoffen, aber alles andere als liberal ein Mann, dem der Protest gegen die jeweils Herrschenden zur zweiten Natur wurde ein beharrlich unzeitgemäßer Mensch. Niemöllers innerer Kompaß war und blieb ein selbstverständliches Gottvertrauen, die Erbschaft des elterlichen Pfarrhauses. Sie prägte ihn mehr als alle theologischen Studien und Reflexionen. "Was würde Jesus dazu sagen?" Diese Frage trieb Niemöller ein Leben lang um. Für ihn war sie gleichbedeutend mit der Frage nach der Substanz der Menschenwürde und dem Zustand der Menschenrechte, nach Anstand und Friedfertigkeit in der Gesellschaft und zwischen den Völkern. Hätten mehr Menschen diese Frage gestellt und mit derselben Konsequenz beantwortet wie Martin Niemöller: Wie anders wäre unser Jahrhundert verlaufen!