Einer der größten und spektakulärsten Kriminalfälle in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte ist abgeschlossen, und der Angeklagte kann zufrieden sein. Das Urteil gegen den Immobilienspekulanten Utz Jürgen Schneider fiel zwar etwas härter aus, als seine Verteidiger erhofften, blieb aber unter dem Antrag der Staatsanwälte, die sieben Jahre und neun Monate gefordert hatten. Bis er seine Reststrafe antreten muß, kommt Schneider auf freien Fuß. Der Vorwurf des betrügerischen Bankrotts wird nicht weiter verfolgt.

Der Fall hatte hohen Unterhaltungswert: Ein nicht mehr ganz taufrischer Diplomingenieur baut innerhalb weniger Jahre aus dem Nichts ein prächtig erscheinendes Immobilien-Imperium auf, zieht dabei der Creme des deutschen Kreditgewerbes mühelos das Geld aus der Tasche, verschwindet unter Zurücklassung von mehr als fünf Milliarden Mark Schulden, eines Stapels offener Handwerkerrechnungen, total blamierter Banker sowie einer Toupetsammlung ins Ausland und wird erst nach Monaten von Beamten des Bundeskriminalamtes in Florida ausfindig gemacht. Das klingt alles nach Schelmenroman, und tatsächlich geriet der rasch produzierte Film über das Gaunerstück zur deutschen Komödie.

Doch in Wirklichkeit hielt sich der Spaß in Grenzen. Nicht nur, weil Hilmar Kopper, damals noch Vorstandssprecher der Deutschen Bank, einen den Handwerkern zustehenden Betrag von fünfzig Millionen Mark in unnachahmlicher Arroganz mit peanuts, Erdnüssen, verglich und damit das "Unwort des Jahres" prägte. Auch die Schadenfreude über die düpierten Geldhäuser verflog rasch, als dem Publikum dämmerte, daß die Kreditgeber mit Spott davonkommen und der Gesamtschaden von mehr als einer Milliarde Mark zum Großteil an den Kunden und Steuerzahlern hängenbleiben würden. Zurück blieb der Zorn über das Verhalten einer Branche, die die kleinen Kreditnehmer bis aufs Unterhemd prüft und den großen das Geld förmlich hinterherwirft.

Mit welch hochstaplerischen Konstruktionen der Angeklagte operierte, wie bereitwillig und nachlässig die Banken ihm Kredite geradezu aufdrängten, war vorher schon weitgehend bekannt und wurde während des Prozesses allenfalls noch im Detail bestätigt. Wer erwartet hatte, einen vollständigen Blick in Schneiders Fälscherwerkstatt und hinter die Kulissen der Banken werfen zu können, wurde enttäuscht. Da sich die Anklage aus prozeßökonomischen Gründen auf einige Fälle beschränkte, bleiben größere Teile der Affäre und ihrer Folgen im dunkeln. Und ob bei den verhandelten Punkten wirklich die reine Wahrheit ans Licht kam, wissen nur der Angeklagte und die Zeugen aus den Banken. Dennoch lassen sich aus dem Kriminalstück einige Lehren ziehen.

Erste Erkenntnis: Auch eine Wirtschaftsstrafsache kann rasch über die Gerichtsbühne gehen. Als das Verfahren Ende Juni begann, durfte man angesichts von 120 Aktenordnern und einer beachtlichen Zeugenliste mit einer langen Dauer rechnen. Denn vergleichbare Fälle, etwa der DG-Bank-Prozeß, hatten sich über mehrere Jahre hinweg erstreckt. Daß das Urteil gegen Schneider schon nach knapp sechs Monaten gesprochen werden konnte, ist in erster Linie der straffen Verhandlungsführung durch Richter Heinrich Gehrke zu verdanken. Der 58jährige Jurist, bekannt geworden unter anderem durch den Holzschutzmittelprozeß und seinen Freispruch im Fall des Tucholsky-Spruchs "Alle Soldaten sind Mörder", war immer Herr des Verfahrens. Mehr noch: Der Richter übernahm auch gleich den Part von Verteidigung und Staatsanwaltschaft, indem er sowohl die Zeugen aus den Banken als auch den Angeklagten scharf anging. Dabei bewegte sich Gehrke auf einem schmalen Grat.

Denn mit seinen bissigen bis zynischen Kommentaren riskierte er immer wieder, wegen Befangenheit abgelehnt zu werden.

Für den kurzen und relativ unspektakulären Verlauf des Prozesses sorgten aber auch die Verteidiger und Staatsanwälte. Erstere verzichteten von Anfang an auf prozessuale Mätzchen und versuchten statt dessen, ihren Mandanten zu einem strafmildernden Geständnis zu bewegen. Ihre Taktik, den Banken eine Mitverantwortung nachzuweisen, brauchten sie insofern nicht anzuwenden, als ihnen Gehrke diese Arbeit abnahm. Aber auch für die Staatsanwälte lief alles nach Plan: Sie hatten die Anklage sorgfältig vorbereitet und konnten, da die Verteidigung keine neuen Fakten auf den Tisch legte, das Verfahren in aller Ruhe verfolgen.