Die Muslimführer und Immobilienhändler, die Päpste und die Manager - sie alle sind sich ihrer Sache sicher: Nach 1999 kommt ein außergewöhnliches Jahr. Louis Farrakhan, der amerikanische Fundamentalist, wird vor dem Capitol in Washington eine Massenhochzeit mit zehntausend Paaren inszenieren, während der deutsche Wohnungsmarkt in sich zusammenbricht Johannes Paul II. wird das "Heilige Jahr" zelebrieren und damit neun Millionen Pilger nach Rom locken, während die Bertelsmann Buch AG ihren Umsatz um eine Milliarde auf 8,2 Milliarden Mark erhöht. Von den unzähligen Erfindungen, Katastrophen und Blödheiten ganz zu schweigen, die man uns in Aussicht stellt, den Pillen fürs ewige Leben, der vergifteten Atmosphäre, dem Gemüseanbau auf dem Mond.

Was animiert die Menschen unterschiedslos dazu, das große, das wunderbare, das schreckliche Jahr zu versprechen, zu prophezeien?

Nur eine Zahl, sonst nichts.

Das Jahr 2000 also. Seit Jahrzehnten dient es als Metapher für die Zukunft.

Selbst heute noch, knappe vierundzwanzig Monate bevor es beginnt, taucht sein Name in unzähligen Sonntagsreden und Wirtschaftsgraphiken auf. Wir werden wohl noch 2007 vom "Jahr 2000" sprechen, wenn wir etwas vor uns Liegendes meinen oder zumindest von "2000 plus", wie das ARD und ZDF in ihrem kürzlich präsentierten Grundsatzpapier "Kommunikations- und Medienordnung" getan haben.

Längst hat sich das Schlagwort zu einem Warenzeichen verwandelt und ein weltweit agierendes Wirtschaftsunternehmen begründet. Füttert man die Redaktionsdatenbank mit den wichtigsten Suchbegriffen, dann zeigt sich, wie erfolgreich das Unternehmen läuft: Über fünfzehntausend Artikel wirft sie aus, in jedem von ihnen ist vom "Jahr 2000" oder vom nächsten "Millennium" die Rede.

Taucht man ab in die Tiefen des gefundenen Materials, stellt sich bald jene Verwirrung ein, die uns erst einmal keinen klaren Gedanken fassen läßt - ein Zustand, dem Thema durchaus angemessen.