Wenn Nationen als ganze in soziologische Seminare verwandelt werden könnten, so müßten sie für sich selbst zu ihrem einzigen Forschungsthema werden: Ihre gesamte intellektuelle Energie würde durch die Frage absorbiert, wie es je gelingen konnte, sich zu dem unwahrscheinlichen Gebilde zu formen, das sie sind. Wenn Nationen als ganze ihre Autobiographien schreiben könnten, müßten sie sich über ihr eigenes Werden beugen und sich dem ebenso verführerischen wie abgründigen Thema widmen, daß sie sich irgendwann vorzeiten aus dem Nichtsein zum Sein erhoben haben und sich von da an auf den Weg "zu sich selbst" begaben. In einer solchen unmöglichen Autobiographie markierten die nationalen Gedenktage die Wendepunkte der eigenen Geschichte. Aber nicht immer ließen sich die Gedenktage als bloße Merkpunkte vergangener Geschichte begehen, denn wie die aktuelle Erfahrung lehrt, bieten die Tage der historischen Erinnerung zugleich eminente Gelegenheiten, die unerledigten Angelegenheiten der Völker von neuem in Bewegung zu bringen. Wenn Nationen als ganze Nervenzusammenbrüche erleiden könnten - es müßte im Falle der Deutschen an einem 9. November geschehen. Mit einer Regelmäßigkeit, die an einen Tic denken läßt, sind die Deutschen seit 1918 schon fast ein Jahrhundert lang an diesem Tag zur Stelle, wenn es darum geht, ihre Pflichten gegenüber der Geschichte, im guten wie im schlimmen, zu erfüllen. Ganz offenkundig benehmen sie sich wie Leute, die zu diesem bestimmten Termin mit ihrem politischen Schicksal verabredet sind, und sie versäumen nichts, um dabeizusein, wenn an einem wiedergekehrten 9. November ihre Geschichte von neuem zu ihnen redet. So wie in den katholischen Gegenden Europas die Familien an Allerheiligen und Allerseelen auf die Friedhöfe strömen, um die Gräber zu schmücken und das innere Zwiegespräch mit den Toten zu pflegen, so begeben sich die Deutschen eine Woche später auf die Schlachtfelder ihrer nationalen Erinnerung, um wie unter einem undurchschaubaren Zwang offene Rechnungen mit der Vergangenheit zu begleichen. Es ist, als ob es in diesem Land neben den christlichen Totengedenktagen auch ein obsessives Andenken an die umsonst Gefallenen des Großen Krieges von 1914 bis 1918 gebe, ja mehr noch, als ob sich an jenem 9. November die inneren Kriegsgräber immer wieder von neuem auftäten und als ob von den Fronten verlorener Kriege die unbegrabbaren Wiedergänger erschienen, um ihre Forderungen an die Lebenden zu stellen. Natürlich muß deutsche Politik in diesem Jahrhundert der blutigen Niederlagen sich immer auch als Hermeneutik der Totenstimmen bewähren, und es gehört zu den Geheimnissen des deutschen 9. November, daß an diesem Tag ein transzendentes Flüstern in der Luft liegt, als ob die Stimmen einer Totenvolksabstimmung ausgezählt würden und in die Wahlen der Lebenden einfließen sollten. Natürlich ist die eben gebrauchte Redensart von der Verabredung eines Volkes mit seinem Schicksal ihrerseits schon etwas hysterisch, wie die deutschen Novemberangelegenheiten im ganzen selbst es sind, denn wenn auch das eine oder andere Datum - insbesondere das Initialereignis dieser deutschen Serie, die Berliner Proklamation der ersten deutschen Republik - gewissermaßen unschuldig und unkalkuliert auf einen 9.

November fiel, so waren die meisten der folgenden Novemberzwischenfälle bereits vom Datums- und vom Wiederholungszwang markiert, und was wie die Macht des Schicksals aussehen wollte, erweist sich in fast allen Fällen als terminbewußte Inszenierung. Adolf Hitler, der politisierende Hysteriker, den seine Konvulsionen schließlich an die Macht trugen, produzierte mit seinem Münchner Marsch von 1923 seine erste große Krise auf der nationalen Bühne: Durch seine somnambulische Begehung des Tages, an dem die Deutschen die kalte Freiheit der Niederlage kennenlernten, schuf er die anhaltende Fixierung der nationalen Erinnerung an das fatale und doch chancenträchtige Datum, das sich ins nationale Unbewußte - falls es dergleichen gibt - wie ein Zwan gsandenken an eine unwillkommene Emanzipation einprägen sollte. Hitler hatte sich selbst - bei seiner hysterischen Erblindung im Lazarett von Großbeelitz vor den Toren von Berlin im November 1918 - zum ersten Interpreten und Abgeordneten der Weltkriegsgefallenen ernannt. Und als besessener und selbstgewisser Agent einer außerparlamentarischen Opposition von Toten wußte er es einzurichten, daß am Abend des 9. Novembers 1923 wieder sinnlos Gefallene aufgebahrt werden konnten, die sich freilich später zu Blutzeugen der NS-Bewegung erhöhen ließen. Was von da an an 9. Novembern auf deutschem Boden zu geschehen pflegte - man denke an die ominöse Reichs"kristall"nacht, an eines der Attentate auf Hitler, an gewisse Episoden der Studentenbewegung und schließlich an jene Nacht der Wunder vor acht Jahren, als ein Volk durch die Wand ging -, es geschah stets in einem Ereignisraum, der durch ein seltsames Ineinander aus Aufbrüchen und Wiederholungszwängen bestimmt blieb. Oft genug ist es gesagt worden: Zu den Muttermalen der demokratischen deutschen Republiken gehört die Bedingung, daß sie ihre Freiheit im Zusammenbruch finden mußten und daß sie bis heute der chronischen Versuchung ausgesetzt bleiben, den Zusatz des Eigenen erst in der Reaktion und im Ressentiment gegen neue Verhältnisse auszubilden.

Was aber die Magie des 9. Novembers ausmacht, kann erst ganz deutlich in Erscheinung treten, wenn wir uns darüber Rechenschaft geben, daß dieses Datum nicht den Deutschen des 20. Jahrhunderts allein gehört. Denn all die deutschen Novemberangelegenheiten stehen unmerklich im Schatten eines überragenden Ereignisses der französischen Geschichte, das sich in einem kalendarischen Pseudonym zu verbergen beliebte. Bekanntlich hatte es den Programmatikern der Französischen Revolution gefallen, den alteuropäischen Kalender post Christum natum durch eine neue Zeitrechnung, "nach der Aufhebung des Adels", "nach der Wiedergeburt des Menschengeschlechts durch die Franzosen", kurzum: "nach der Revolution" zu ersetzen, und im Zuge dieser Umwälzung aller Daten und Dinge war auch aus dem prosaischen römischen November, dem Neunermonat, der poetische revolutionäre Brumaire geworden, der Dunst- und Nebelmonat, in dem sich nach Auflösung örtlicher Frühnebel hin und wieder strahlende Fernsichten und weltgeschichtliche Perspektiven ergeben sollten. Dieser Monat nun verdankt seinen Nachruhm im literarischen und politologischen Gedächtnis der Europäer dem Umstand, daß Karl Marx im Titel seiner geistvollsten Schrift auf diesen travestierten November angespielt hat: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Gleich am Anfang dieses außerordentlichen Traktats, der den Staatsstreich Napoleons III. im Jahr 1851 und die Maschinerie der Klassenkämpfe zum Gegenstand hat, fällt ein unerschöpflich kluges Wort, das als Hegel-Zitat ausgegeben wird: daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen, wobei Hegel nur vergessen habe hinzuzufügen: "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce". Was Marx damit sagen will, liegt für den Kenner seiner Logik auf der Hand: Das Gesetz der Verdoppelung - man könnte auch sagen das Prinzip der enthüllenden Reinszenierung - beherrscht ohne Ausnahme alle geschichtlichen Ereignisse, in denen bürgerliche Menschen ihr Interesse an Freiheit ausagieren denn bürgerliche Menschen, man erinnert sich, das sind für Marx interessierte Maskenträger, die dazu verurteilt sind, auch in ihren hochgemuten historischen Handlungen schließlich do ch die niedere Natur ihrer Leidenschaften zu offenbaren. Der Bürger ist die Maske der Geldseele. Während es nun bei der ersten heroischen Aufführung stets um die Freiheit überhaupt zu gehen scheint, um die Freiheit ohne Beiwort, um die Freiheit des sich selbst setzenden, des mit sich selbst voraussetzungslos neu anfangenden Subjekts, so zeigt sich in den Wiederaufführungen, daß letztlich doch immer nur die Freiheit des ultimaten bürgerlichen Interesses gemeint sein konnte: so mühelos wie möglich auf Kosten anderer Geld zu machen, kurzum: die Freiheit der Renten und Renditen, die Freihei t der Waren- und Geldbewegungen, die als Verlangen nach Gewissensfreiheit beginnen muß, um als Freiheit vom Gewissen zu enden. Je später also ein revolutionäres Stück zur Reinszenierung gelangt, desto unverhüllter muß in ihm, nach Marx, das materielle Interesse der Akteure an den Tag treten, desto schneller werden die Freiheitshelden gegen Profitliberale ausgetauscht, desto zynischer nehmen die Aktionäre auf dem liberalen Theater die idealistische Maske ab, um unumwunden ehrlich zu ihrer Haupt- und Kapitalsache zu kommen. Die Farce also, die Verhöhnung des bürgerlichen Idealismus durch den noch viel bürgerlicheren Materialismus, wäre aus dieser Sicht die große Gelegenheit, die Verhältnisse selbst zum Sprechen zu bringen - oder vielmehr, weil sie ja gar nicht erst zum Sprechen gebracht werden müssen, genügt es an den wiedergekehrten tollen Tagen, die Zustände zu belauschen und sie zu dokumentieren im Augenblick ihrer drastisch aufrichtigen und zynischen Selbstoffenbarung.

Wären nun die deutschen Novemberaffären von 1923 an wirklich immer nur solche zweiten Auflagen des revolutionären Dramas in Hanswurstkostümen gewesen, so könnte Marx als Dramaturg wohl recht gehabt haben. Allein, so einfach liegen die Dinge im deutschen Fall doch nicht, weil es hierzulande oft genug die Farce selbst war, die das fehlende revolutionäre Originalstück zu ersetzen hatte. Meine Damen und Herren, ich lasse, hiervon abgesehen, die Frage offen, ob diese Marxschen Suggestionen auch für die Komplexitäten unserer aktuellen Wirklichkeitserfahrungen noch triftig bleiben, seien sie nationaler oder globaler Natur ich diskutiere hier auch nicht die zugrundeliegende Vorstellung von einem großen Lauschangriff der Dialektik auf die Betriebsgeheimnisse des bösen, des bürgerlichen, des kapitalen Spiels. Es geht in unserem Zusammenhang allein um den Hinweis auf jenen ersten französischen achtzehnten Brumaire, ein Datum, das - wie Sie nun längst wissen - nichts anderes darstellt als einen pseudonymischen 9. November. Sein historischer Inhalt ist der Staatsstreich Napoleon Bonapartes, der im Jahr VIII der neuen Zeitrechnung an ebenjenem Nebelmonat-Tag, von seiner gescheiterten ägyptischen Expedition über Fréjus nach Paris zurückkehrend, in Frankreich als alleinregierender Erster Konsul die Macht ergriff und in der zivilen Maske des römischen Princeps inter pares damit begann, sein Land in die politische, also die nationalimperialistische Modernität zu führen, die sich nach innen hin als Demo kratie vorstellt und nach außen als imperiale Großmacht agiert. In diesem Sinn ist der französische 9. November 1799 - wir übersetzen ihn nun wieder aus dem idealistischen in den prosaischen, aus dem französischen in den gregorianischen Kalender zurück - das Schlüsseldatum der jüngeren europäischen politischen Geschichte, und wir müssen uns nur den Text zu diesem Ereignis in Erinnerung rufen, um zu verstehen, was es mit allen Novemberzwischenfällen seither letztlich auf sich hat. Napoleon hat den Text zwar nicht genau an diesem Tag gesprochen, aber er hat das maßgebliche Wort zu seiner Tat vom Brumaire etwas später in einer Versammlung des Staatsrats mit heroischer Deutlichkeit vorgetragen:

"Wir haben den Roman der Revolution beendet. Wir müssen mit ihrer Historie beginnen, unser Augenmerk nur auf das richten, was bei der Anwendung unserer Prinzipien real und möglich ist, und nicht auf das Spekulative und Hypothetische. Heute einen anderen Weg einzuschlagen hieße zu philosophieren und nicht zu regieren."

Wir haben den Roman der Revolution beendet! Man kann diesen Satz nicht oft genug wiederholen, und wäre es auch nur, um ganz zu ermessen, worin seine Verheißung und sein Skandal bestehen. Wer diesen Satz nicht immerzu im Ohr behält, wird das Geheimnis europäischer Brumaire-Politiken und Novemberkrisen nie so recht verstehen. Denn was der große Korse mit seinem Diktum in die Welt gesetzt hat, ist nichts anderes als die weltgeschichtliche Formel nachrevolutionärer bürgerlicher Realpolitik - die sich hierdurch als ein Konzept erweist, an dem Bonaparte, nicht Bismarck das Urheberrecht besitzt.

Realpolitik bedeutet - durchaus im Sinne der Marxschen Brumaire-Analysen -, von der revolutionären Romaneske der Freiheit auf die Prosa der nationalen Wirtschaftsimperialismen umzustellen. Nimmt man das napoleonische Novemberprogramm so ernst, wie es dies angesichts seines Urhebers und seiner historischen Konsequenzen verdient, so erkennt man, wie aus ihm eine Provokation hervorging, die sich an alle nichtfranzösischen Nationalstaaten richtete, an bestehende ebenso wie an solche, die erst im Werden begriffen waren. Sie alle mußten in der Folge - bei Strafe geschichtlicher und ökonomischer Zweitklassigkeit - rechtzeitig Stellung nehmen zu der politisch und geschichtsphilosophisch brisanten These, daß der Roman der Revolution im Mutterland der Revolution selbst abgeschlossen sei und daß dort folglich vom Philosophieren zum Regieren übergegangen werden durfte - man könnte auch sagen von der Hysterie zum Geschäft und von der dramatischen Konvulsion zur Tagesordnung des wohltemperierten Handelsimperialismus. Natürlich hatte Napoleon seinerseits, als er seine These in die Welt setzte, die Worte Robespierres und anderer Führer der Französischen Revolution im Ohr, daß die Revolution nichts anderes sei als der erfüllte Traum der Philosophie. Und wer nun, wie Bonaparte, des Glaubens war, daß infolge dieser Erfüllung ein neues, ein realistisches, ein pragmatisches Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen werden könne, der besaß auch gute Gründe dafür, den Abschluß des Revolutionsromans mit dem Ende des Philosophierens und dem Beginn einer positiven oder nachidealistischen Macht- und Wirtschaftspolitik in eins zu setzen. Ich darf hier in Parenthese anmerken, daß noch alle zeitgenössischen Diskurse über das sogenannte Ende der Geschichte in Wahrheit nichts anderes sind als Paraphrasen des napoleonischen Worts vom Abschluß des revolutionären Romans. Seit zweihundert Jahren ist die Geschichte der politischen Ideen in Europa einschließlich Amerikas und Rußlands im wesentlichen nur ein Interpretenkrieg um das Privileg gewesen, Napoleons Novemberworte richtig zu verstehen. Von Fichte bis Fukuyama, von Karl Marx bis Norbert Blüm tobt der Kampf der Deutungen um das dunkle Wort des Ersten Konsuls. Was heißt es eigentlich, den Roman der Revolution zu beenden und mit der Redaktion ihrer Historie zu beginnen? Was heißt es wirklich, vom Spekulieren zum Regieren überzugehen? Immerhin, im gemäßigten bürgerlichen und kleinbürgerlichen Hauptstrom der französischen Gesellschaft konnte es seit dem Jahr 1800 über den handfesten Sinn der Bonaparte-Formel kaum einen Zweifel geben, denn für das nachrevolutionäre Bürgertum, das Victor Hugo einst ahnungsvoll als die zufriedene Klasse bezeichnet hatte, meinte das Ende der Geschichte nie etwas anderes als die vollendete Einheit von Imperium und Rentenanspruch, von Realpolitik nach außen und Komfort nach innen sagen wir, um e s kurz zu machen, einfach: hier Kolonien und dort foie gras de Strasbourg. Doch pflegt die zufriedene Klasse stets ihre Rechnungen ohne die unzufriedene zu machen, und der Satz, die eigentliche Revolution sei beendet, ließ sich durchaus nicht an einen präzisen Zeitpunkt binden, Napoleons apodiktischer Brumaire-These zum Trotz. Seit der französischen Revolution und ihrer Ruhigstellung durch die bonapartistische Novemberpolitik ist die europäische Geschichte ein einziger langgezogener Kampf um die ergänzenden, die nachholenden, die eigentlich abschließenden und genugtuenden Revolutionen, durch die jene vom 14. Juli 1789 und vom 9. November 1799 erst wahrhaft vollendet würden.