Das gelobte Land ist noch zehn Meter und sechzig Sekunden Angst entfernt.

Nervöse Blicke sondieren das Gelände. Die Luft ist rein. Fünf Männer rennen geduckt aus dem Busch, vorneweg der Schlepper, hinterdrein vier junge Kerle.

Sie schlüpfen durch die Lücke im Wildschutzzaun. Ein Sprung über die erste Maschendrahtsperre. Dann die Haupthürde, ein mit zwirnfeinen Stromleitungen durchzogener kompakter Stacheldrahtverhau, drei Meter hoch, drei Meter tief, mit rasierklingenscharfen Dornen. Mit Astzwillen klemmt der Schlepper einen Tunnel in das Geflecht. Augenblicke später robben die Männer hindurch, klettern über die vierte Maschendrahtsperre und hetzen auf das Dickicht zu.

Dort beginnt Südafrika. Das Land, in dem Milch und Honig fließen. Das Land, wo Argwohn und Haß sie erwarten.

Flut! Schwemme! Heuschreckenplage! Südafrikas Zeitungen greifen zum Wörterbuch der Naturkatastrophen, wenn sie ihre Leser gegen die illegalen Einwanderer aufwiegeln. "Sie stehlen uns unsere Frauen, unsere Jobs und unsere Wohnungen", giftete Pace, das unter schwarzen Lesern beliebteste Blatt, und meint damit die Menschen, die vor dem Bürgerkrieg aus Angola fliehen, die um Asyl bitten, weil sie in Ruanda um ihr Leben fürchten, die Malawi, Sambia oder Simbabwe verlassen, um ihr Glück am Kap zu suchen. Acht von zehn Immigranten kommen aus Mosambik, einem der ärmsten Länder Afrikas.

Südafrika, das reichste Land des Kontinents, zieht sie magnetisch an.

"Ema! Stopp!" Kommandos schallen aus dem Unterholz. Ein Trupp Soldaten stürmt heraus. Im nächsten Moment liegen die fünf Eindringlinge am Boden und blicken in die Mündungen von Sturmgewehren. Major Olivier grinst. Die fünf Männer klopfen sich den Staub aus den Hosen und feixen mit. Ihr Räuber-und-Gendarm-Spiel war nur eine Demonstration am Wachposten 2 auf den Lebombobergen zwischen Südafrika und Mosambik.