BERLIN. - Hauptstadt oder Provinz? Misere oder Visionen? Aufbruch oder Abbruch? Nichts Neues aus der "jungalten Stadt" (Bloch)? Oder ist das Neue nicht vor allem das Alte? Die Gegensätze sind ausgelatscht wie die legendären Filzpantoffeln, mit denen früher der Berliner Prolet in seine Eckkneipe schlurfte. Was läßt sich heute, ein Jahr vor dem Regierungsumzug, zwei Jahre vor der Jahrtausendwende Neues über die Stadt sagen, was nicht schon längst gesagt wurde?

Und kann man's milder oder muß man's härter sagen? Noch immer taumelt Berlin zwischen den Endmoränen des Urstromtals und dem "geschichtlich kontaminierten" Terrain. Jeder Neubau fördert die Trümmer der verdrängten Stadtgeschichte zutage. Noch immer ist das Wort "Hauptstadtkultur" Anlaß für öffentliche Gedankenflucht, gehässige Streitsucht und hohles Auftrumpfen.

Dabei ist der Alltag extrem, und die Extreme sind alltäglich. Die normalen Attribute der Stadt erscheinen als Oxymoron. "L'oxymoron" heißt eine gutgehendes Caférestaurant in Berlin-Mitte (aber es geht alles gut, was dort neu eröffnet wird).

Was nun ist Berlin? Als Roman Herzog, der Neuberliner, in Düsseldorf die Notwendigkeit selbst der "ätzenden Kritik" höchstamtlich verteidigte, wurde er gefeiert. Ach, nichts ist bequemer als der kritische Unbequeme - vor allem in Berlin. Dem kritischen Kritizismus entgeht man hier sowenig wie den Currywurstschwaden und den Graffiti. Ätzende Kritik, das gehört in Berlin nicht zum intellektuellen Anspruch, sondern zum Justemilieu des geistigen Kiezes sie ergibt sich schon aus dem Magensäurespiegel des Berliner Medienbiotops.

Da sitzt der taz-Feuilletonist in der Cafeteria des Debis-Gebäudes, einer eleganten postmodernen Kathedrale inmitten einer zyklopischen Baulandschaft er sieht, wie Manager ihr Carpaccio verspeisen und Bauarbeiter ihr Sülzkotelett mit Fritten. Reizt ihn diese Beobachtung? Nein, natürlich nicht!

Ihm ist die Stimmung verhagelt, und er schreibt im skandalisierten Tonfall des "Auch das noch" denn schließlich verdankt sich diese großstädtische Szenerie einem alten Feind: Daimler-Benz.

Da kreist eine reich ausgestattete Spiegel-Redaktion um den Tiergartentunnel und seine Wasseroder Finanzeinbrüche um die Kosten des Umzugs und um die Kieztristesse von Neukölln - selbstlose Freunde des Scheiterns.