Duell in der Sonne

Der Gänsekiel scharrt übers kostbare Pergament: "Mein letzter Zahn verließ mich gestern, am zweiten Tag nach Sonnenwend im Jahre 919 des Herrn."

Agrippa, Mönch und Scriptor des Stiftes Ramsolano, erzählt die Geschichten seines Lebens. Das geweihte Papier, das eigentlich die "offenbarten Wahrheiten des Heiligen Augustinus" aufnehmen sollte, füllt sich stattdessen mit einem mittelalterlichen Mosaik voller Kontraste. Agrippa nimmt die "Sünde der Schwatzhaftigkeit" auf sich und führt uns durch das Land zwischen Hammaburg und Bremen, nach Rungholt und Haithabu, nach Bornholm, zu den Bärenanbetern und den Wikingern.

Ganz andere Landschaften hat Agrippa durchstreift, mit spitzen Höhen und tiefen Tälern, im Roten Haus oder wo sonst Gewänder wallten. Und Bischof Ebo zu Hammaburg, gut unterrichtet über Erregungen in Klöstern, Klause und Kutte, hat das genutzt. Eine inspiratio, eine göttliche Einhauchung, eine Umarmung, schlichtweg eine Erpressung des reumütigen Sünders: Agrippa, ziehe du gen Norden, nach Haithabu, in die Stadt der Wikinger, und missioniere die heidnischen Mordbuben. Eine willkommene Strafe letztlich, denn so gerät Agrippa in die Nachfolge des verehrten heiligen Ansgar, des Nordlandmissionars, der "im Jahre 850 eine Christengemeinde mitten in der großen, grausigen Wikingerstadt Haithabu gründete".

Agrippa erweist sich schnell als rechte Plaudertasche, neigt immer wieder zu Abschweifungen, ehe er sich im Dienste des Lesers zur Stringenz ermahnt. Doch der leichte Tonfall, den ihm sein Chef-Scriptor Claus-Peter Lieckfeld verordnet hat, läßt uns bereitwillig folgen. Wie beiläufig tariert er historischen Stoff und erzählerische Freiheit in ein leseförderndes, spannendes Gleichgewicht, Abenteuererzählung und historischer Roman gehen Hand in Hand. Vor dem Hintergrund des dunklen Zeitalters spielen die Szenen wie Lichtblitze, mal hell, mal grell.

Das alles funkelt auf zwei Erzählebenen. In der Gegenwart der schreibende Mönch, der angesichts des nahenden Todes sein Werk zu Ende zu führen sucht in der Erinnerung der vitale Missionar in Haithabu, mal mutig, mal verzagt.

Dazu ein Zweikampf, ein zähes, langes Duell: Herward vs. Rangar. Herward ist der Begleiter des Agrippa, Wikinger, aufgewachsen in Ramsolano. Manche christliche Epistel ist durch seinen Kopf geflattert, viel Odin ist geblieben. Er sucht den Mörder seiner Mutter, den Entführer seiner Schwester.

Und findet ihn: Rangar, den Jarl von Haithabu, der sie aufgenommen hat und zugleich schützend die Hand über Agrippas Missionswerk hält.

Duell in der Sonne

Vielleicht kommen "Odin und dein angenagelter Gott" ja doch ganz gut miteinander aus, zum Wohle der Stadt. Rangar, immer jovial, immer gefährlich: "Wenn ich am Ende der Welt Köpfe spalte, sehne ich mich danach, zu Hause Köpfe zu streicheln. Und umgekehrt." Agrippa, Herward und Rangar, im Gewoge der Erzählung drei packende Portraits, die alles zusammenhalten.

Selbst Agrippa läßt sich täuschen, wähnt sich in der Hoffnung, Herwards Haß sei durch Zeit und Umgang mit dem Jarl verglommen, doch er "brannte still und wie die Feuer der Köhler brennen: bedeckt und unsichtbar". Er wartet.

Endlich: Die Bernsteinsonne von Bornholm ein verfemtes Kultobjekt, zwei Manneslängen im Durchmesser, will der Rangar, Jarl von Haithabu, sich holen.

Unter dieser Sonne beendet Herward das Duell, rächt Mutter und Schwester.

Agrippa vergräbt sein Gesicht in der Kutte, um ihn "der Geruch verdampfenden Bernsteins und brennenden Fleisches".

Ins Netz der Erzählungen setzt Lieckfeld Effekte, vorbereitet und gezielt, nie hingehuscht. Und schon runzelt sein Agrippa bedenklich die Stirne: "Da sollte es mich nicht wundern, wenn irgend jemand auf die Idee verfiele, ein eitles Geschäft daraus zu ziehen, aus geschriebenen Worten Wirkung zu schlagen."