41. Verhandlungstag (23. Dezember):

Vorsitzender Richter Gehrke: Im Namen des Volkes verkünde ich folgendes Urteil:

Der Angeklagte Dr. Schneider wird wegen Kreditbetrugs in zwei Fällen und Betrugs in drei Fällen, in einem Fall davon begangen in Tateinheit mit Urkundenfälschung, zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt.

Wer ist dieser Dr. Schneider? Sicher, er hat sich wegen Betruges in großem Stil strafbar gemacht. Und sicher, er hat dies sehr geschickt und planvoll getan. Aber wir haben uns doch in der vierzigtägigen Verhandlung einen Eindruck davon machen können, daß wir hier einen in seiner Charakterstruktur und Mentalität durch und durch schlichten Mann vor uns haben, einen, wie er sich gern bezeichnet, "Frankfurter Bub", der nicht die Kriminalität zu seinem Metier gemacht hat.

Der Angeklagte ist nach Überzeugung der Kammer 1981 nicht angetreten, um sich mit betrügerischen Mitteln ein großes Vermögen zu verschaffen. Er glaubte fest daran, ein spezielles Segment des Baugewerbes gefunden zu haben, auf dem er sich besser als andere auskannte und wirtschaftlichen Erfolg haben werde: Erwerb, Sanierung und Vermarktung historisch wertvoller Geschäftshäuser. Aber er kaufte zu teuer, baute zu aufwendig und vermietete, weil die Marktlage nichts anderes hergab, zu schlecht. Deshalb mußte er scheitern.

Herr Dr. Schneider hat erkannt, wie wenige vor ihm, den Hauptmann von Köpenick vielleicht ausgenommen, daß in unserer Gesellschaft im allgemeinen und bei den Banken im besonderen Schein vor Sein geht. Je mehr man zu sein und vor allem zu haben scheint, um so respektvoller und entgegenkommender wird man behandelt. Wer nur kleine Beträge ausleihen will und kann, wird durchleuchtet bis aufs Hemd. Wer Millionensummen fordert und den Eindruck erweckt, schon Milliardensummen zu besitzen, der kriegt das Geld nachgetragen. So ist der Fall Schneider auch eine Parabel für unsere Gesellschaft.

Zu seinem Nachteil wirken sich das langjährige geplante und geschickte Vorgehen und - dies vor allem - die hohe Summe der betrügerisch erlangten Beträge aus. Dies hat, das sage ich hier freimütig, zu Beginn der Hauptverhandlung eine Gesamtstrafe im zweistelligen Bereich denken lassen. Im Verlauf der Hauptverhandlung dagegen ergab sich eine solche Zahl von strafmildernden Gesichtspunkten, daß davon ein ganz erheblicher Abstrich gemacht werden konnte.