München leuchtet nicht, im Gegenteil: "Merkwürdig ist es hier. Das Wasser der Isar strudelt, das Siegestor wartet mit weit aufgerissenem Maul auf siegreiche Armeen, die großen Gebäude stehen, als seien sie nicht für Menschen bestimmt, grau und ockerfarben abstrakt im Abseits, der Schnee rennt vor dem Wind her und läßt die leeren Räume zwischen den Urgebäuden noch leerer zurück." Der Besucher, der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, flüchtet vor der unwirtlichen Metropole in eine Ausstellung, deren Beschreibung sich im jüngst erschienenen Reisebuch des Autors findet: "Die Dame mit dem Einhorn", eine Sammlung von Texten aus den letzten dreißig Jahren, die differenziert und variationsfreudig von Reisen in Europa berichten.

Dabei ist der Essay über die Abkehr von den Straßen Münchens zugunsten einer Ausstellung durchaus repräsentativ für die übrigen Texte: Nootebooms Ziele, so scheint es, werden häufig von den Ankündigungen großer Ausstellungen vorgegeben. Der Autor präsentiert sich als Reisender auf den Spuren der Kunst, der Leonardo in Mailand, Tiepolo in Würzburg sucht und die Früchte des Mäzenatentums der Familie Gonzaga in Mantua. Zwei kurz zuvor aufgefundene und restaurierte Bronzefiguren bilden den Anlaß zu einer Reise nach Florenz, so daß der Essay weniger von der Stadt, um so mehr von den Statuen handelt. Das Herzstück des Bandes widmet sich sogar ganz einer Serie von bestickten Wandteppichen, ohne sich mit der Beschreibung der umliegenden Örtlichkeiten aufzuhalten.

Also kein Reisebuch, statt dessen ein Vademekum bedeutender europäischer Kunstwerke? Nooteboom argumentiert zu raffiniert, um sich auf eine solche Reduktion einzulassen. So wird in sorgfältig gearbeiteter Prosa eine europäische Perspektive der Kunstgeschichte entworfen, die beim jeweiligen Exponat auf übergeordnete Kategorien verweist: Die einzelnen Essays entwickeln Elemente einer Kunst- und Rezeptionstheorie, die fast beiläufig und kaum einmal prätentiös vorgetragen werden. Statt dessen wird die hartnäckige Neugier des Reisenden spürbar, der den als fremd empfundenen Dingen auf den Grund gehen will. Dabei kommt es zu keinen absoluten Urteilen, eher zu vorsichtigen Prämissen, die permanent in Frage gestellt oder relativiert werden, ein Verfahren, das den Essays häufig eine dialogische Struktur verleiht.

So liest man das Buch als jemand, der staunend an der Hand eines eloquenten Kunstkenners geführt wird. Dabei nutzt Nooteboom die offene Form des Reisefeuilletons zu einer Mischung aus beschreibenden und reflexiven Elementen, die an Heinrich Heines "Reisebilder" erinnert: Der Beobachtende, der Reisende bleibt präsent, auch da, wo er allgemein Zugängliches beschreibt, wo er über den Gang der Zeitläufte und den spezifischen Zugang seiner Generation zu den Relikten einer großen Vergangenheit spricht. Und Nooteboom entwickelt ein Ethos des reisenden und berichtenden Intellektuellen: "Schauen, lauschen, lesen, die Arbeit hört nie auf."