Einen Bestseller zu schreiben - welcher Soziologe träumt nicht davon? Pierre Bourdieu ist es gelungen. Über 100 000 Exemplare von "La misère du monde" wurden seit Erscheinen des Buches 1993 in Frankreich verkauft. Endlich liegt es auch in deutscher Übersetzung vor.

Das Erfolgsgeheimnis: Der namhafte französische Forscher und sein achtzehnköpfiges Soziologenteam lassen in unaufdringlicher Weise die Menschen, deren Zusammenleben es zu erforschen gilt, selbst zu Wort kommen - so verschieden die Menschen sind, mal kraftvoll, mal leise, mal verzweifelt, mal trotzig, mal gleichgültig.

Es sind Menschen, die vor allem zwei Dinge verbindet: Sie leben im selben Wohnviertel, und sie leiden - vordergründig - aneinander, aus Bourdieus Sicht aber an Herrschaftsverhältnissen, deren Opfer sie sind und die sie nicht beeinflussen können an einer Politik und an Medien, die sich in eine virtuelle Welt verabschiedet haben - in eigene Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, die es ihnen nicht mehr möglich machen, die Leiden der Menschen abzubilden oder überhaupt wahrzunehmen.

Was dem Leser anfänglich wie ein Lesebuch über einzelne Schicksale erscheint, verdichtet sich zu einem Mosaik subjektiver Wirklichkeiten, deren objektiven Bezugspunkt auszumachen dem Leser trotz Analysen der Politik- und Medienwelt nicht abgenommen wird.

Zu Wort kommt der Hausmeister einer Siedlung ebenso wie der arbeitslose, frustrierte Jugendliche, der Geschäftsmann wie der Gewerkschaftsfunktionär oder der Sozialarbeiter. Sie leben und arbeiten in Wohnblöcken, die man in Deutschland häufig als soziale Brennpunkte bezeichnen würde.

Es sind brennende Probleme der französischen Gesellschaft, die Bourdieu beleuchtet, aber es sind wahrhaft nicht nur französische Probleme. Eine Politik, die sich in sich selbst zurückgezogen hat, die sich am Machterhalt ihrer Akteure orientiert und zunehmend ihre Reibungsfläche zu sozialen Realitäten verliert, ist auch uns nicht unbekannt. Medien, deren Informationsethik mehr und mehr überlagert werden durch das vornehmliche Kriterium der Schnelligkeit und mehr und mehr auch durch das des Unterhaltungswertes der Information, gewinnen auch in Deutschland immer mehr Einfluß. Wohltuend ist deshalb der ruhige und lang auf dem einzelnen, auch auf wichtigen Details ruhende Blick Bourdieus. Nicht zuletzt das macht sein Werk lesenswert.

Wer sich in das Buch vertieft, muß verunsichert werden angesichts der dort eingefangenen komplexen Subjektivitäten, muß verunsichert werden hinsichtlich der eigenen, als sicher empfundenen Wahrnehmungen sozialer Beziehungen und sozialen Elends. Bourdieu vermag es, mit seiner sensiblen Interviewtechnik (der er ausführlich methodische Erläuterungen widmet) eine Wirklichkeit einzufangen, die vielschichtiger und widersprüchlicher ist, als wir sie im Alltag wahrnehmen oder als sie uns in empirischen Studien nahegebracht wird.