Zoé Valdés: "Dir gehört mein Leben", Roman aus dem Spanischen von Susanne Lange Ammann Verlag, Zürich 1997 329 S., 44,- DM. - Zoé Valdés kommt schnell zur Sache. Nach einigen Basisinformationen zur Kindheit ihrer Mädchenfigur Cuca betritt ein "matter Mulatte" das Kinderzimmer, "seinen Kolben schon im Anschlag". Er wirft die Kleine auf die Matte. "Hastig zerfetzte er ihr Unterhöschen, bog die schlanken, mit Flohstichen übersäten Schenkel auseinander und schickte sich an, ihre knochentrockene, kahle Muschel mit seiner Brechstange zu knacken." Gott sei Dank erscheint die Tante auf der Bildfläche und bereitet dem grausigen Spiel ein Ende. Ist das der magische Realismus, für den die lateinamerikanische Literatur berühmt ist?

Zoé Valdés Roman spannt einen Bogen von den fünfziger Jahren bis zu den Neunzigern. Sie erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte eines Landmädchens, das nach Havanna kommt, sich in den Tanzlokalen austobt, dann in den Revolutionsstrudel gerät, sich heiß verliebt, schwanger wird, ihren Mann nach New York, ihre Tochter an die Ideologie des Klassenfeinds verliert und nach entsagungsreichen Jahren im Tropensozialismus einem Wiedersehen mit dem Mann ihrer Träume entgegenfiebert. Zoé Valdés, im Revolutionsjahr 1959 geboren und seit 1995 im französischen Exil lebend, bleibt also den Generalthemen ihres vorherigen Romans treu: wieder die Abrechnung mit Castros Cuba, wieder der Sex als Überlebenskampf. Aber offenbar wollte sie noch eins draufsetzen. "Dir gehört mein Leben" sollte nicht nur doppelt so lang wie "Das tägliche Nichts" (1996) werden, sondern auch doppelt so frivol, doppelt so schrill, doppelt so scharf. Auch die landesüblichen Kochrezepte, die die Autorin wieder serviert, empfehlen schärfere Zutaten. Aber leider wirkt das verpfefferte Ragout aus literarischem Bolero, feministischem Picaro, kubanischer Sozialgeschichte und Soap-opera doppelt so kalkuliert, doppelt so berechenbar. Was in Cabrera Infantes Liebeserklärungen an Havanna den Leser ins Taumeln bringt, erstickt hier im Furor des literarischen Programms.