Von der Mehrheit der anderen Lebewesen unterscheidet sich der Mensch dadurch, daß er fliegen kann. Diese von der Evolution nicht unmittelbar vorgesehene Fähigkeit verdanken wir flügelschlagenden Pionieren wie Otto Lilienthal, dessen 150. Geburtstag uns 1998 ins Haus steht. Leider war seine Landetechnik derart halsbrecherisch, daß Lilienthal als zweites Absturzopfer der Fluggeschichte nach Ikarus aktenkundig wurde.

Während der deutsche Luftikus spätestens nach dreihundert Metern mit seinem Fliegerlatein am Ende war, entwickeln die Ingenieure an den Reißbrettern von Boeing und Airbus heutzutage ganz andere Flugmaschinen: in fünfzehn Stunden nonstop von Frankfurt nach Honolulu. Und der Laie muß sich nicht wundern, wenn er mit seinem Jetlag von zwölf Stunden die ersten fünf Urlaubsnächte vor seinem Bett auf und ab geht.

Für den einen ist die Fliegerei Fortschritt, ein fortgeschrittenes Martyrium hingegen für den anderen. Lächelnd und wohlriechend haben deutsche Stewardessen ihre tariflich vereinbarten Schichtzeiten von maximal vierzehn Stunden Dauer durchzustehen. Sie können schließlich nicht einfach nach Hause gehen, wenn ihr Arbeitsplatz gerade hoch über Grönland unterwegs ist.

Damit ihr Arbeitstag nicht länger wird als erlaubt, hat die Crew eines deutschen Charterjets den Flug von Düsseldorf auf die Malediven kürzlich schon in Frankfurt abgebrochen. Weil beim Zwischenstopp alles Mögliche schiefging, wäre das Fernziel nicht mehr innerhalb der erlaubten Arbeitszeit zu erreichen gewesen. Crew und Passagiere verbrachten also die Nacht am Main im Hotel und flogen erst tags darauf weiter. So weit, so gut. Als die sieben Stewardessen jedoch wieder nach Hause kamen, lagen die fristlosen Kündigungen schon im Briefkasten. Die Fluggesellschaft witterte nämlich Meuterei gegen die Cockpit-Besatzung.

Der demokratisierte und deregulierte Luftverkehr hat rauhe Sitten hervorgebracht, nicht nur im Verhältnis von Arbeitgebern zu ihrem fliegenden Personal. Neuester Trend: Auf den billigen Plätzen wird das Raumangebot nach dem Vorbild der einstigen Auswandererschiffe begrenzt. In Maschinen, die schon bei sieben Sitzen nebeneinander intensiven Körperkontakt mit dem Nachbarn erzwingen, hat Englands größte Urlaubslinie noch einen achten Platz dazwischengemogelt. Da wird man das Essen mit Messer und Gabel ganz neu erlernen müssen.

Vielleicht auch nicht. Statt sättigende Mahlzeiten zu servieren, setzen auch namhafte Fluggesellschaften die Kundschaft auf den billigen Plätzen zwangsweise auf FdH-Diät. Angesichts des Sparmenüs noch eine zweite Semmel zu erbetteln ist wahrscheinlich zwecklos: Wir geben nichts, heißt es dann eiskalt lächelnd, außerdem sind die Brötchen abgezählt.

Daß die Freiheit über den Wolken grenzenlos sein müsse, klingt eher wie ein abgedroschener Werbeslogan. Lilienthals Erben wird allerhand zugemutet, manchen von ihnen zuviel. An Bord, berichten Fluggesellschaften angewidert, wird immer öfter gepöbelt, geprügelt und sogar mit dem knappen Essen geworfen. Das Phänomen - amerikanisch air rage - ufert so sehr aus, daß britische Stewardessen jetzt im Rahmen ihrer Weiterbildung den sachkundigen Gebrauch von Handschellen erlernen.