Und wieder ist ein ökonomisches Modell dahin. Noch vor Jahresfrist galten die Volkswirtschaften der südostasiatischen Tigerstaaten als Nonplusultra in der Weltwirtschaft. Angeführt von den Städten Singapur und Hongkong, belegen sie in den einschlägigen Ranglisten der besten Investitionsstandorte die Top ten fast allein. Das dürfte sich im kommenden Jahr ändern.

Eilfertig hatten Experten, Lobbyisten und Publizisten die fernöstliche Boomregion zur dominanten Wirtschaftsmacht des nächsten Jahrhunderts stilisiert - endlich Länder, in denen der Staat nur mininale Wohlfahrtspolitik betreibt, die Löhne nicht künstlich in die Höhe treibt und ansonsten darauf achtet, daß es Investoren an nichts fehlt.

Freilich, nahezu jede volkswirtschaftliche Mode ist kurz vor ihrem Ende besonders heiß begehrt gewesen. Vor kaum mehr als fünf Jahren traf dieses Schicksal den Rheinischen Kapitalismus. Vom Amerikaner Lester Thurow bis zum Franzosen Michel Albert vertraten Bestsellerautoren die Ansicht, die Mischung aus starkem Sozialstaat und konsensorientierter Wirtschaftspolitik werde in der Ära nach dem Kalten Krieg am besten bestehen. Dann addierten sich zum Zusammenbruch der sozialistischen Volkswirtschaften im Osten noch Konjunktureinbruch und Strukturkrise, und die Mode tat, was sie immer tut: Sie drehte sich - so deutlich wie selten zuvor.

Waren die Vereinigten Staaten Anfang der neunziger Jahre noch als großer Verlierer apostrophiert worden, gilt ihre relativ freie und oft ruppige Ökonomie derzeit als Zukunftsmodell für die postindustrielle Gesellschaft.

Kein Wunder: Das Wachstum läßt seit sechs Jahren nicht nach, die Arbeitslosenquote ist niedrig, und amerikanische Unternehmen beherrschen viele High-Tech-Märkte. Verwegen ist aber schon, daß einige US-Ökonomen jetzt ihre Disziplin neu erfinden wollen und behaupten, neue Technologie und freie Globalmärkte brächten den Landsleuten ewiges Wachstum. Wenn die Vergangenheit ein Indikator ist, dann bedeutet diese Verklärung vor allem eines: Auch diese Mode steuert ihrem Höhepunkt entgegen - und dann ihrer Ablösung.

Als Dreingabe entwickelt sich in der Regel eine passende Trendlehre für Manager. Anfang der neunziger Jahre spielte die Lean Production diese Rolle, wenig später folgte das Reengineering-Konzept für Radikalkuren in Verwaltung und Dienstleistungen - mitsamt Managementgurus, die aktuelle Spar- und Effizienzbemühungen der Firmen aufnehmen und ihnen einen neuen Namen geben.

So stark ist die Mode der Neunziger, daß sie selbst an den Börsen ihre Manifestation findet. Shareholder value ist - noch - die Philosophie der Stunde: In den Führungsetagen soll nur mehr zählen, was den Wert der Aktie mehrt.