Die französische Asien-Forscherin Alexandra David-Néel, 1868 bei Vincennes geboren, 1969 in Digne gestorben, ist eine der bemerkenswertesten Frauen dieses Jahrhunderts. Sie hat die verschlossensten Länder Asiens, vor allem immer wieder die zentralasiatischen Wüsten bereist. Noch im Alter von hundert Jahren ließ sie sich ihren Reisepaß verlängern, um jedem jähen Anfall von Reiselust unverzüglich folgen zu können. Ihre große Liebe galt Tibet.

Hier wurde sie als erste Europäerin in den Stand eines Lama erhoben. Sie selber hat einen tibetischen Lama als geistlichen Sohn adoptiert. Und sie, die man keinesfalls einen weiblichen Sven Hedin nennen darf, war glücklicher als dieser große und fragwürdige, rassistisch kompromittierte Asien-Reisende: Sie hat 1924 das verbotene Lhasa erreicht. Auf ihrem Weg durch "Himmel und Höllen" kam ihr besonders die Fähigkeit zustatten, selbst unter extremsten Frostbedingungen die eigene Körpertemperatur zur Überlebenswärme zu steigern.

- Jetzt erscheint nach ihren lesenswerten Reiseberichten ein Tibet-Roman, den sie zusammen mit ihrem geistlichen Adoptivsohn verfaßt hat. Außerordentlich spannend geht es zu und manchmal etwas mystisch. Ein Mord, die Suche nach dem Täter und einem geraubten Türkis fügen sich zu einem Roman, der zugleich Reise-, Kriminal- und Erweckungsroman ist. Die Lösung darf der Kritiker natürlich nicht verraten, nur soviel, daß sie nicht ganz unerwartet auf die buddhistische Lehre hinführt. Nichtsdestoweniger: ein bis zur Prallheit an Spannung und tieferer Bedeutung volles Buch.