Istanbul

Eine absolute Verwirrung hat sich der türkischen Öffentlichkeit bemächtigt.

Man gibt sich größte Mühe, jenen Luxemburger Beschluß der Europäischen Union von Mitte Dezember zu verarbeiten, der den Traum der Türkei von der Vollmitgliedschaft auf absehbare Zeit ausgelöscht hat. Seit vierunddreißig Jahren hegt das türkische Volk, das sich in einer äußerst dynamischen Entwicklung befindet, diesen Traum von der Europäischen Union. Jetzt wurde es in eine tiefe Ungewißheit gestürzt.

Was dabei für die Türken - abgesehen von Inhalt und Bedeutung des Beschlusses - so schwer verständlich, ja, kaum glaublich erscheint, ist die Haltung der Bundesrepublik. Wir haben - aus wohlbekannten Gründen - in Deutschland stets den engsten Freund gesehen, einen Verbündeten, der in schweren Zeiten die Hand ausstreckte. Deutschland gebührt in den Augen der Türken ein besonderer Platz, der mit keinem anderen Land zu vergleichen ist. Deutschland ist seriös, rational, neutral, niemals macht es Tagespolitik mit kleinen Rechnungen. Es ist ein großer Staat, weit vorausschauend, langfristig planend.

Dieses Bild ist nun zerstört. Die türkische Öffentlichkeit ist inzwischen davon überzeugt, daß es die Bundesrepublik ist, die für die Ausgrenzung der Türkei verantwortlich ist. Die Türken haben das Gefühl, ihr engster Freund in Europa hat ihnen ein Messer in den Rücken gestoßen. Ungeachtet des Widerstands gegen einen EU-Beitritt der Türkei, der von einigen Mitgliedstaaten der Union offen, von anderen verdeckt betrieben wird, war es die deutsche Position, die in der türkischen Öffentlichkeit tiefe Enttäuschung bewirkte. So ist Bonn das Ziel der Reaktionen geworden. Aus diesem allgemeinen Gefühl der Verletzung heraus nahmen die Türken nicht nur die sehr harte Kritik Ministerpräsident Mesut Yilmaz' an Bundeskanzler Helmut Kohl, sondern auch seine gewiß nicht sehr diplomatische Antwort an Außenminister Klaus Kinkel mit Verständnis auf.

Regierungen sind nicht auf Dauer böse aufeinander. Sie können, ihre Vorteile bedenkend, nach einiger Zeit wieder die besten Freunde sein. Die türkische Öffentlichkeit aber wird längere Zeit brauchen, um über die Verletzung hinwegzukommen. So gesehen ist es illusorisch, eine baldige Wiederherstellung der deutsch-türkischen Beziehungen in der bisherigen Art und Weise zu erwarten.

Was wollte die Türkei eigentlich - und hat sie womöglich etwas mißverstanden?