Es gibt derzeit kaum eine italienische Käseschachtel, auf deren Boden nicht wenigstens ein paar hundert Funktelephone als Trostpreis ausgelobt werden, falls der glückliche Käufer als Hauptpreis das Auto oder die Südseereise verpassen sollte. Das telefonino, also das Telephönchen, ist unbestritten der weihnachtliche Verkaufsschlager in Italien. Alle viereinhalb Stunden gewinnt in diesen Wochen einer der beiden Netzbetreiber einen neuen Kunden. Die zur Telecom Italia gehörende TIM Telecom Italia Mobile hat jetzt achteinhalb Millionen Abonnenten. Sie ist damit nach der japanischen NTT die zweitgrößte Funktelephongesellschaft der Welt geworden.

Auch die von Olivetti gegründete Konkurrenz Omnitel, bei der seit kurzem Olivetti und Mannesmann zusammen das Sagen haben, sammelte in weniger als 24 Monaten zwei Millionen Teilnehmer. "Ein Delirium" nennt das dem Spiegel entsprechende Wochenmagazin L'Espresso die Sucht nach dem mobilen Sprechapparat: Andere Blätter halten den Run aufs Telephönchen für "die neue italienische Krankheit".

Sie hat Alt und Jung, Arm und Reich gleichermaßen erfaßt. War am Anfang dieser technischen Neuerung - abgesehen vom Nutzen für Wirtschaft und Technik - der Wert als Statussymbol vorrangig für die Anschaffung, so erfüllt das telefonino für die Italiener mittlerweile ein allgemein verbreitetes Konsumbedürfnis als schönes und modisches Objekt mit erheblichem praktischem Nutzwert. Ähnlich wie beim festen Telephonanschluß wagt kaum jemand mehr zu sagen, daß er kein telefonino hat, weil er es nicht braucht. Immerhin trägt jeder fünfte Italiener ein Gerät mit sich herum - und in vielen Familien werden sogar schon mehrere dieser Apparate benutzt.

Diese ungewöhnliche Geschäftsentwicklung entspricht gewiß dem nationalen Mitteilungsdrang der Italiener. Reden ist für sie Gold. Schweigen allenfalls Silber. Dennoch hätte das Telephönchen sicher nicht einen derartigen Massenerfolg, wenn sich die beiden Netzbetreiber TIM und Omnitel nicht einen derart harten und zugleich einfallsreichen Konkurrenzkampf lieferten.

Beide haben allein in diesem Weihnachtsgeschäft jeweils zwanzig Millionen Mark für die Werbung eingesetzt. Beide erkannten auch rechtzeitig, daß sie den Verkauf von Hardware, also der Telephönchen, im Zweifel besser anderen überlassen und sich selbst auf den eigentlichen Telephondienst konzentrieren sollten. Als Folge dieser Entscheidung klotzten die Handyhersteller mit Werbemaßnahmen für ihre Produkte. Außerdem schießen Fachhandelsgeschäfte und -ketten wie Pilze aus dem Boden.

Marktführer für die Hardware in Italien ist mit 43 Prozent Motorola, gefolgt von Nokia mit 20 Prozent, Ericsson mit 11 Prozent und dem rasch aufholenden Siemens-Konzern mit 8 Prozent. "Kann man denn damit auch Kaffee kochen?"

fragt die witzige Siemens-Werbung und zeigt ein telefonino, aus dessen Mitte sattbrauner Espresso in die Tasse fließt. Der Münchner Konzern startete außerdem mit knallbunten Displays, die sich in wenigen Wochen durchgesetzt haben. Die Preise für alle Telephönchen ordentlicher Durchschnittsqualität sind bei dem harten Wettbewerb inzwischen bis auf umgerechnet rund 400 Mark gefallen.