Wolken, Regen, Baggerlärm. Der Museumsplein von Amsterdam ist eine laute, wüste Baustelle. Aber da ist ja auch das Stedelijk Museum. Fünf Stufen hoch, durch die gläserne Tür - und wir können den Alltag vergessen. Es öffnet sich "eine Welt in zwölf Kabinetten", wie das Wochenblatt Vrij Nederland über die Ausstellung der "Kollektion Mulisch" schreibt.

Drinnen, noch im Foyer, fällt der Blick zuerst auf große Buchstaben: "HARRY MULISCH - ZIELESPIEGEL".

Wunderliches Wort, "Seelenspiegel". Gibt es Menschen, die in einen Spiegel blicken können, um ihre Seele zu betrachten? Gibt es Spiegel, die die Seele reflektieren? Ist sie nicht unsichtbar?

Aber da erscheinen zwei Engel und reißen die Besucherin aus ihren Gedanken.

Lebensgroße Gestalten, in weißen Gewändern und mit schwarzen Flügeln. Der eine steht aufrecht, blickt nach rechts und hat den Arm zum Gruß erhoben. Der zweite kniet, den Blick gesenkt. Sein Zeigefinger deutet in die Tiefe. Die Engel tragen, wie einen Thron, eine Kloschüssel, lorbeerumwunden, auf der fröhlich grinsend ein schwarzer Teufel hockt, ganz ohne Gewänder, mit einem langen Schwanz und zwei kleinen Hörnern. "Triumph of Love".

Den schwerelosen Balanceakt hat sich der Engländer Thom Puckey 1989 ausgedacht, und es ist nicht leicht zu sagen, was ihn so erhebend und heiter zugleich erscheinen läßt: die andächtigen Engel, der produktive Teufel oder ihre schöne Dreieinigkeit.

Daneben hängt ein großes Gemälde des Cornelis Cornelisz van Haarlem, das 400 Jahre früher entstand. Da fällt ein nackter Mann kopfüber durch nachtschwarzen Raum in Feuer, Rauch und Abgrund ausgestreckte Arme greifen ins Leere, sind verzerrt durch Schwerkraft und Perspektive, so wie die gewaltig geöffneten Schenkel, der weit aufgerissene Mund. Das ist Ixion, den die Götter zu Tisch luden, obwohl er seinen Vater ermordet hatte. Als er aber der Gattin des Zeus seinen lüsternen Willen aufzwingen wollte, stieß ihn der Gott in den Tartarus, wo Ixion, an ein brennendes Rad gebunden, sich ewig drehen muß und ewig rufen: "Sei deinen Wohltätern dankbar."