So schaurig-schön, voller Bedeutung und großer Gesten ist schon der Prolog zum "Seelenspiegel". Rudi Fuchs, Direktor des Stedelijk, hat den Schriftsteller Harry Mulisch eingeladen, als Gastkurator eine eigene Ausstellung aus den Kollektionen der niederländischen Museen zu gestalten.

Und der Autor, vertraut mit den Mythen und Mysterien zwischen Himmel und Erde (wie auch den deutschen Lesern seines Romans "Die Entdeckung des Himmels" wohlbekannt), hat die Gelegenheit genutzt, um sich selbst, sein Leben, sein Werk und seine Seele im Spiegel der bildenden Kunst zu betrachten.

Und zu zeigen! "Selbst wenn einer nichts weiß von mir und meinem literarischen Werk", schreibt Mulisch im Katalog, "sollte er nach einem Rundgang ein Bild meiner Person haben." Wer "mich und mein Werk kennt, aber nicht weiß, wer diese Austellung gemacht hat, sollte am Ende wissen, daß es niemand anders als ich gewesen sein kann".

Also dann, die Kollektion Mulisch: Im halbdunklen Raum des ersten Kabinetts fällt das Licht auf drei Kupferstiche von Dürer. Ein Ritter in stählerner Rüstung mit aufgeklapptem Helm hat hoch zu Roß seine Burg verlassen. Ein Wesen mit Tierkopf und Teufelshorn blickt ihm nach der Tod hält sein Stundenglas hoch. Deutschland Anno 1513, mehr Gegend als Reich. Ausklang des Mittelalters, Aufbruch in die blutigen Wirren von Bauernkrieg und Reformation. Mulisch aber sieht den Ritter und dann nur noch den Helm: "Darin steckt schon die Form des Stahlhelms", läßt er Katalogleser und Betrachter wissen. "Den habe ich noch mit eigenen Augen gesehen, auf den Köpfen der Deutschen, die in die weite Welt zogen."

Selbst gesehen: der Deutsche, der Helm, der Krieg. Noch Fragen? Es folgen freie Assoziationen: Dürers Nürnberg, Goebbels Propagandafeldzüge, Thomas Manns "Doktor Faustus" und die Parteitage der Nazis: das "zerstörerische und sich selbst zerstörende Deutschland - bis hin zu Wagner, Hitler und Auschwitz". So sieht es aus, Deutschland im Seelenspiegel eines hervorragenden Intellektuellen der Niederlande, deren Jugend nach neuesten Umfragen, wie schon vor vier Jahren, etwa zur Hälfte davon überzeugt ist, die Nachbarn im Osten seien "kriegssüchtig" und wollten "die Welt beherrschen".

"Ich bin ein europäischer Schriftsteller, der in der niederländischen Sprache lebt", sagt der Sohn eines "hocharischen" ehemaligen k. u. k. Offiziers und einer deutsch-böhmisch-jüdischen Mutter. Seine Eltern lernten sich im Ersten Weltkrieg kennen. Im Zweiten Weltkrieg stand der Vater in Amsterdam in Diensten der deutschen Besatzer, während seine Mutter im Büro des jüdischen Rates arbeitete.

Als Heranwachsender hat Mulisch Kunstbücher geklaut, die Bilder herausgeschnitten und mit Reißzwecken an die Wand geheftet. Das war in Haarlem, in den vierziger Jahren. Draußen ging der Zweite Weltkrieg zu Ende.