Im Politlatein der Strategen heißt eine Dauerstreitfrage wie Garzweiler II "Sollbruchstelle": An ihr reiben gegensätzliche Kräfte sich so sehr, daß eine Koalition schließlich zerbirst. Jedes Bündnis hat solche Bruchpunkte. In Bonn wäre es beispielsweise der Einstieg in eine ökologische Steuerreform.

Wolfgang Schäuble hatte kurzfristig damit kokettiert, aber da Union und FDP dann doch lieber zusammenbleiben wollten, ist nichts passiert. Denn merke: Die besagte Stelle bricht in der Politik nicht von selbst. Den Bruch muß man schon wollen.

In Nordrhein-Westfalen könnte es jetzt soweit sein. Seit zweieinhalb Jahren schleppt sich dort das rotgrüne Bündnis, zu dem die Wähler die müde gewordene SPD im Mai 1995 verdonnert hatten, mehr schlecht als recht dahin. Es lebt vom Langmut des Landesvaters Johannes Rau, der bei den Grünen beliebter ist als bei manchem Parteifreund, und von der Entschlossenheit führender Grüner, diese Koalition als "Modell" für Bonn intakt zu halten. Dagegen stand von Anfang an das monströse Tagebauprojekt von Garzweiler. Weder für SPD noch für Grüne konnte Düsseldorf ein "Modell" sein, wenn die andere Seite sich bei Garzweiler II durchsetzen sollte. Genau das ist das Wesen einer Sollbruchstelle. Nun erhielt das Projekt, das Arbeitsplätze sichert, aber umweltpolitisch fragwürdig und energiepolitisch umstritten ist, zwei Tage vor Heiligabend die nötige Genehmigung für den Gesamtbetriebsplan. Wolfgang Clement, der sozialdemokratische Wirtschaftsminister, frohlockt, die grüne Basis tobt, die grüne Führung ist verstört. Im Januar haben die Koalitionspartner ihre Landesparteitage: Da entscheidet sich, was am ominösen Knackpunkt passiert.

Offenkundig ist in der SPD inzwischen der Wille zum Bruch gewachsen. Der "Kohle-Mann" Clement nimmt ihn jedenfalls in Kauf und demonstriert den Grünen die neue Ruppigkeit im beginnenden postökologischen Zeitalter an Rhein und Ruhr. Darf er und soll er vielleicht auch: Wer möchte sich schließlich vom kleineren Partner gern so vorführen lassen wie in Bonn die Union von der FDP?

Das aber hat seinen Preis.

Denn zugleich wird damit klar: Rot-Grün als "Modell" ist zur Farce verkommen.

Der Tritt, den die SPD in NRW im Mai 1995 bekam, war doch nur ein Tritt, kein Signal zum Aufbruch, gar zum Wechsel in Bonn. Dessen Wahrscheinlichkeit sinkt. Prosit Wahljahr.