Er äußere manchmal unbequeme Gedanken, sagte unlängst ein bekannter Schauspieler, und das störe seine Karriere. Der Mann gehört offensichtlich zu jenen Zeitgenossen, die immer wieder anecken und die andere mit dem bekannten Nestroyschen Hobel in die Front der Angepaßten zwingen möchten. Merkwürdig nur, daß heute auch das Gegenteil geschieht: daß ein notorischer Widerborst mit und von dieser Eigenart sehr gut leben kann, sogar ökonomisch. Der CDU-Politiker Heiner Geißler, der Pastor und TV-Moderator Jürgen Fliege und der kürzlich gestorbene Arzt Julius Hackethal sind nur einige willkürlich assoziierte Beispiele.

Der Hörfunkjournalist Martin Hecht freilich will noch mehr entdeckt haben.

Nach seiner Beobachtung sind Gewohnheitsprovokateure wie Geißler, Fliege oder Hackethal längst keine geduldeten Hofnarren mehr, sondern Vertreter eines Typs, der die Gesellschaft durchsetzt und prägt. Der Autor bietet für diese These eine in der Tat zunächst eindrucksvolle Sammlung von Namen und Belegen, die zu zeigen scheinen, daß es in diesen Zeiten schick und lohnend ist, sich den Ruf des Querdenkers zu erarbeiten.

Da hat sich einer offenkundig an einer Idee und an den einschlägigen Nachweisen so lange berauscht, bis er glaubt, die ganze Gesellschaft damit charakterisieren zu können. Aber zum einen vernachlässigt Hecht den Umstand, daß die Mechanismen der Affirmation in weiten Bereichen weiterhin funktionieren. Die Bürger sind zwar nicht mehr so konformistisch wie zu Adenauers Zeiten, aber zum Beispiel in der Berufswelt lassen sich viele auch heute noch oder (im Zeichen wackliger Arbeitsplätze) wieder das Rückgrat verkrümmen. Zum anderen übersieht Hecht in seiner wortreichen Begeisterung für die Grundthese, daß es nun mal zum Querdenker gehört, gegen die Masse zu schwimmen. Wenn aber die Masse aus Unangepaßten bestünde, dann wären die Angepaßten die eigentlichen Querdenker. Merkwürdige Logik.

Diesen Widerspruch löst der Essayist genausowenig auf, wie er eine analytische Begründung liefert, warum unbequemes Denken heute in die Höhen gesellschaftlicher Anerkennung führt. Es muß ja ein tieferes Bedürfnis dafür bestehen, daß auch Konformisten die von Nonkonformisten notwendigerweise ausgehende Unruhe dulden oder sogar genießen. Hecht begnügt sich damit, der 68er-Bewegung zu bescheinigen, sie habe eine "neue Tyrannei entfesselt", die dazu führe, daß Querdenken heute "Teil eines Lebensentwurfes (ist), der die frühkindliche Trotzphase zum Lebensprinzip verlängert und sich in einem narzißtischen Frondieren selbst verwirklicht".

Solche süffigen Sätze könnten darüber hinwegtäuschen, daß hier Zeitdiagnose nach den Rezepten von Trendforschern à la Matthias Horx geschieht: Auf die Generalisierung, und sei sie noch so windig, kommt es an. Zweifelsohne ist der Querdenker als Phänotyp eine bemerkenswerte und für die heutigen Zustände aufschlußreiche Figur. Wer ihn enttarnt, macht sich verdient. Aber warum es diesen Typ heute gibt und warum er Erfolg erntet, das wissen wir auch nach der Lektüre dieses Buches nicht.