Am Anfang war der Fall "Krupp-Thyssen". Am Jahresende erregt er, von einem erfolgreichen Abschluß weiter denn je entfernt - wie es bisweilen scheint -, noch immer die Gemüter. Einen Kapitalismus pur sahen die einen über die deutsche Konsensgesellschaft hereinbrechen, einen Schritt zur Normalität des deutschen Kapitalmarktes die anderen, als am 17. März die Absicht von Krupp-Chef Gerhard Cromme ruchbar wurde, den größeren Konkurrenten im Handstreich zu schlucken.

Die abgewehrte Attacke, die im Juni zu einer einvernehmlichen Verschmelzung der Stahlaktivitäten beider Ruhrkonzerne führte, war der dramatische Höhepunkt einer ganzen Kette spektakulärer Zusammenschlüsse, die 1997 zum Jahr der großen Fusionen machte. Schon im Oktober erreichte die Kozentrationswelle das Ausmaß des gesamten Vorjahres.

Zwar kam es neben der Teilfusion von Thyssen und Krupp zu einer Reihe weiterer rein deutscher Zusammenschlüsse, wobei die Übernahme des Hamburger Transport- und Touristikkonzerns Hapag-Lloyd durch Preussag, der Einstieg der Veba beim Frankfurter Chemieunternehmen Degussa, das Zusammengehen von Bayerischer Vereinsbank und Hypobank sowie der Großversicherer Victoria und Hamburg-Mannheimer besonders aus dem Rahmen fielen.

Doch verfolgen die Merger-Manager im Unterschied zu früher inzwischen immer öfter internationale Pläne. Über die Grenzen blicken dabei vor allem die großen Finanzdienstleister. Angeheizt wird das Fusionsfieber hier nicht allein durch den scharfen Kostenwettbewerb, sondern ebenso durch die strategische Ausrichtung auf den mit der Einführung des Euro einheitlichen europäischen Währungsraum. Höhepunkt war das Bietgefecht um den französischen Assekuranzkonzern AGF. Nachdem der italienische Branchenprimus Generali im Oktober mit einem Angebot in Paris abgeblitzt war, schlug Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle im November als "Weißer Ritter" mit einer deutlich verbesserten Offerte die Mailänder aus dem Rennen.

Der Fusionsbazillus hat aber längst auf Länder außerhalb der Euro-Zone übergegriffen. So machten im August der führende Schweizer Bankkonzern Credit Suisse und die Versicherungsgruppe Winterthur gemeinsame Sache, wenig später die Zürich-Versicherung und der Bereich Finanzdienstleistungen des britischen Multis BAT Industries. Erst vor wenigen Wochen gelang Schweizerischer Bankgesellschaft (UBS) und Schweizerischem Bankverein (SBV) mit ihrer Fusion zur (vorerst) größten Bank der Welt ein weiterer Coup.

Neben der schieren Gier nach Größe stacheln vor allem die Einsparmöglichkeiten bei den Kostenträgern Personal und Informationstechnologie das Management zu ständig neuen Planspielen an - nicht allein im Finanzsektor. Der weltweite Zusammenschluß der Wirtschaftsprüfungsriesen KPMG und Ernst & Young zur neuen Nummer eins im Oktober (nur wenige Wochen nach der Großfusion von Coopers & Lybrand und Price Waterhouse) hat zu einer kaum noch steigerungsfähigen Konzentration auf dem WP-Markt geführt. Im Brot-und-Butter-Geschäft, dem Testieren der Jahresabschlüsse, teilen sich in Deutschland die vier Größten inzwischen knapp zwei Drittel des Kuchens.

In Schwung wird das Fusionskarussell durch die wieder gutgefüllten Kassen der Konzerne gehalten. Ohne sich verschulden zu müssen, legte das Schweizer Pharmaunternehmen Roche stolze achtzehn Milliarden Mark für die in dem Diagnostikageschäft starken Konkurrenten Boehringer Mannheim auf den Tisch.