Ich kam nach Speyer, um an einem Autorentreffen über das Thema "Heimat" teilzunehmen. In Speyer, das im Mittelalter ein großes jüdisches Geisteszentrum war, gibt es nur noch ein paar jüdische Grabsteine im Museum, doch die Stadt ist von alten jüdischen Friedhöfen umgeben. Die Winzer der Umgebung bauen einen ausgezeichneten Wein an, haben aber sicher noch nie von dem großen Rabbi Kalonymus gehört und begehen das zweitausendjährige Gründungsjubiläum der Stadt ohne den berühmten Rabbiner Jakob Tam, der jetzt zweitausend Jahre Heimatlosigkeit gefeiert hätte, wenn er noch am Leben wäre, es sei denn, man sieht in Scheiterhaufen und Schornsteinen so etwas wie eine Heimat. In dem bombastischen romanischen Dom zu Speyer, dessen Grundstein Kaiser Konrad II. legte, ist Heinrich IV. begraben. Heinrich V., der nicht in den Sarkophag paßte, weil er zu lang war, wurde der Überlieferung zufolge entzweigeschnitten.

Die ersten Juden kamen mit den römischen Legionen, verschwanden dann aber wieder für neunhundert Jahre, und als die Juden von Mainz 1084 der Brandstiftung angeklagt wurden, erlaubte ihnen Bischof Rüdiger, sich in Speyer niederzulassen, wo sie den Deutschen Fleisch verkaufen und den Bau des Doms bezahlen durften, was sicher ihr sehnlichster Wunsch gewesen war, seit man kurz zuvor versucht hatte, sie zu verbrennen. Sie finanzierten einen Dom, in dem vier namenlose Bischöfe, vier Kaiser und drei Könige begraben sind und an dessen Eingang die Statue eines grimmigen Bischofs steht, der an Zahnschmerzen gelitten haben muß, er blickt zu Boden, und auf seinem Gesicht liegt ein Ausdruck höflichen Abscheus. Nachdem die Juden der Stadt eine wirtschaftliche Blüte sondergleichen beschert hatten, wurden sie 1096 von den Kreuzfahrern vernichtet, weil sie greifbarer waren als die Ungläubigen im Heiligen Land. Bischof Rüdiger half kräftig mit, doch letzten Endes müssen auch Bischöfe sterben, und 1146 kehrten die Juden zurück. 1339 versuchten einige Rabbiner, nach Palästina auszuwandern, doch das Unternehmen scheiterte. Im Januar 1349 verbrannten sie sich in ihren Häusern, um nicht massakriert zu werden, wodurch praktischerweise ihre Schuldner aller Verpflichtungen ledig wurden. Im Jahre 1405 nahm man eine Ritualmordlüge zum Vorwand, um die Juden abzuschlachten. Sie kehrten zurück, gelangten zu Wohlstand und wurden wieder umgebracht, als Heinrich VI. sie zwang, für die Schäden aufzukommen, die der Schwarze Tod angerichtet hatte, an dem sie natürlich auch schuld waren, und es gab so viele Judenleichen, daß man sie in Weinfässer stecken und in den Rhein werfen mußte. Während des Zweiten Kreuzzugs wurden im Jahre 1435 alle überlebenden Juden vertrieben, doch sie kehrten zurück und wurden wieder vertrieben. Bei den Verfolgungen von 1472 brachten sich Hunderte jüdische Frauen um, um nicht zur Taufe gezwungen zu werden, und die Toten lagen auf den Straßen. Die Überlebenden flohen, und bis zum 18. Jahrhundert mußten die wenigen Juden, die Speyer betreten durften, Schandkleider tragen und waren dauernden Demütigungen ausgesetzt. 1828 erhielten einige Juden das Wohnrecht, wurden aber danach wieder vertrieben und kehrten später zurück. 1933 lebten 254 Juden in Speyer, 1939 nur noch 77, von denen die meisten in den Osten deportiert wurden, zwei kehrten zurück, doch sie sind beide tot. Eine neue jüdische Gemeinde ist nicht entstanden, und ich versichere hiermit feierlich, daß ich nicht nach Speyer gekommen bin, um das Geld für den Dombau zurückzufordern oder eine neue Gemeinde zu gründen, nachdem die Chancen, daß ich jemals Enkel bekommen werde, ohnehin gering sind, so daß die Mühe sich nicht lohnt. Ich hatte eigentlich nicht vor, diese alten Geschichten hervorzukramen, doch sie gehören auch zum Thema "Heimat", denn wir und die Deutschen, zwei unglückliche Völker, leben hier mit derselben Geschichte und zwei Heimaten. Ich weiß nicht, was peinlicher ist: daß die Juden immer wieder vertrieben und verbrannt wurden oder daß sie hartnäckig immer wieder zurückkehrten. Wir halten den Deutschen das Leiden der Juden vor, als könnte ihr Eingeständnis des grausigsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte uns oder sie davon erlösen.

Ich schreibe diese Zeilen in dem schönen Hotel "Domhof" in Speyer. Die Stadt sieht aus wie eine Bilderbuchidylle, in dem alten jüdischen Friedhof im nahen Essingen haben die Nazis die Grabsteine numeriert, und kein Mensch weiß, warum, denn wenn sie tote Juden nicht leiden mochten, hätten sie die Grabsteine zerstören können, und wenn nicht, wozu haben sie sie dann numeriert? Ein Jude, der aus Edenkoben vertrieben worden war, ist nach Edenkoben zurückgekehrt und bekam seine Heimat wieder. Er lebt allein und spricht mit niemandem außer mit einem wunderbaren Menschen namens Schmidt, der Historiker und Experte für jüdische Friedhöfe im Rheinland, Bürgermeister und Geschichtslehrer ist. Der letzte Jude von Edenkoben sitzt in dem Haus, in dem er geboren ist, als sei er kein Baum, den man überall einpflanzen kann, und schweigt. Gegen wen oder für wen er schweigt, weiß ich nicht.

Und um dieser Einleitung ein Ende zu machen, will ich eine kurze Geschichte erzählen. Einmal fand ein Holzfällerwettbewerb in den kanadischen Wäldern statt. Aus aller Welt kamen riesige Holzfällerchampions mit gigantischen Äxten zu dem Wettbewerb. Es kam auch ein kleiner Jude mit einem winzigen Äxtlein. Sie lachten ihn aus, und er schwieg. Am nächsten Morgen fingen sie an, Bäume zu fällen. Der Jude kam als letzter, trank seinen Tee, holte seine kleine Axt hervor, schlug lässig zu, und in einer halben Stunde war der ganze Wald abgeholzt. Die anderen staunten und fragten ihn, wie es komme, daß ein kleiner Jude mit einer Spielzeugaxt die stärksten Holzfäller der Welt besiegt. Das ist keine große Kunst, sagte der Jude, das habe ich in den Wäldern der Sahara gelernt. Die anderen sagten: Aber die Sahara ist doch eine Wüste, und er sagte: Ja, jetzt.

Ich bin also ein kleiner Jude mit einer Axt, der im Haus des Gehenkten vom Strick redet, und das ist nicht ganz fair, weil gerade hier, in der kleinen historischen Stadt, ein Treffen israelischer, palästinensischer und deutscher Autoren zum Thema "Heimat" stattfindet, das von der Landeszentrale für politische Bildung von Rheinland-Pfalz organisiert wurde, und was bei diesem zweitägigen Symposion herauskam, war eine pathetische jüdischarabische Show, die sich vor einem kleinen Publikum deut scher Schriftsteller abspielte, die ab und zu auch etwas sagten, während das jüdisch-deutsche Verhältnis, wie es zum Beispiel in der Geschichte von Speyer zum Ausdruck kommt, beiseite gedrängt wurde. Die Veranstalter sorgten dafür, daß alles reibungslos ablief.

Hans-Georg Meier, der Initiator und die treibende Kraft hinter dem Treffen, ein beharrlicher, kluger Bulldozer, hatte die besten Absichten, doch es funktionierte nicht. Um mit einem arabischen Politautor zu diskutieren, der von einem der israelischen Teilnehmer zum erstenmal hörte, daß es einen Holocaust gegeben hat, oder um den Deutschen zu demonstrieren, wie schlecht die Juden und die Araber sich verstehen, hätte man kein Autorentreffen in Speyer gebraucht.

Am Ende des Tages sah ich auf den Rhein hinaus, schnurgerade Reihen von Weinstöcken überzogen die Hügel, wie Wehrmachtssoldaten auf dem Appellplatz.