Wider alle Vernunft

In Ostdeutschland droht ein Arbeitskampf - und keinem ist wohl dabei. Vom 12. Januar an will die IG Metall die Stahlindustrie in den neuen Bundesländern zum zweiten Mal nach der Wende bestreiken. Sie war mit der Forderung nach einer fünfprozentigen Lohnerhöhung in die Verhandlungen gegangen, die Arbeitgeber verlangten eine vierzehnmonatige Lohnpause. Am Ende schlug der Schlichter, Professor Rüdiger Pohl vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle, eine monatliche Aufbesserung von 60 Mark vor und dann, von September 1998 an, um 2,6 Prozent höhere Löhne. Die Arbeitgeber akzeptierten, die Gewerkschaft lehnte ab und beschimpfte den Schlichter als "Briefträger für die Arbeitgeber".

Die IG Metall insistiert unverändert auf Einkommensverbesserungen von "durchgehend 2,6 Prozent", verweigert also die Zustimmung zur Verschiebung der Tariferhöhung bis zum Herbst. Ein solches Ergebnis entspräche weitgehend dem Abschluß für die Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen. Genau gerechnet macht die Differenz nicht mehr als etwa 300 Mark bei einem Jahreseinkommen von 50 000 Mark aus.

Doch der Gewerkschaft geht es ums Prinzip. Sie will eine Abkoppelung der neuen Bundesländer von der Lohnentwicklung verhindern und endlich die volle Angleichung der Ostlöhne an das Westniveau durchsetzen. Heute, so die IG Metall, arbeitet ein Ost-Stahlarbeiter drei Stunden länger als sein Kollege im Westen, bekommt dafür aber nur 83 Prozent des Westlohns.

Die Stahlbranche scheint den Gewerkschaftern das geeignete Terrain für einen exemplarischen Kampf zu sein. Hier ist ihre Stellung besonders stark: Etwa achtzig Prozent der 8000 Beschäftigten sind Mitglied der IG Metall. Da die ganze Branche in den neuen Bundesländern nicht mehr als ein Dutzend Unternehmen umfaßt, ließe sich zudem ein Ausstand ohne übermäßigen Aufwand organisieren.

Doch die Begeisterung hält sich in Grenzen. Die Urabstimmung brachte zwar eine Zustimmung zum Streik von 77,4 Prozent doch das war kaum mehr als die Mindestquote von 75 Prozent. In mehreren Betrieben stimmten die Arbeiter erst gar nicht ab oder votierten gegen den Streik. Und die Arbeitgeber machen Druck. Vor der Urabstimmung wurde zum Beispiel die Frühschicht bei Eko-Stahl von der Geschäftsleitung auf Flugblättern belehrt: "Das Nein in der Urabstimmung ist das Ja für Eko."

Eko in Eisenhüttenstadt ist mit 2400 Mitarbeitern der Branchenführer. Ende Juli wurde noch gefeiert. Nach Jahren der Wirren und des Bangens war das Stahlwerk endlich zum kompletten Standort vom Hochofen bis zur Warmwalzstraße geworden. Das einstige Eisenhüttenkombinat Ost, inzwischen mit Investitionen von 1,4 Milliarden Mark auf den neuesten technischen Stand gebracht, schien auf dem Weg in die Gewinnzone, auch wenn die Treuhand-Nachfolgerin BvS für 1997 nochmals 100 Millionen Mark als Verlustausgleich an den belgischen Eigentümer Cockerill Sambre überweisen muß. Streik und Westlöhne passen da nicht ins Konzept.

Hasso Düvel, der zuständige Bezirksleiter der IG Metall, sieht das lockerer.

Wider alle Vernunft

Er beziffert die zusätzliche Belastung für Eko während der gesamten Laufzeit des Tarifvertrags auf 2,3 Millionen Mark. Angesichts voller Auftragsbücher und guter Absatzpreise sei das zu verkraften.

Die Arbeitgeber machen natürlich eine andere Rechnung auf. Drei Wochen Streik, so heißt es bei Eko, bescherten dem Unternehmen einen Verlust zwischen 15 und 20 Millionen Mark. Die Gewinnzone würde da in weite Ferne rücken. Andere Betriebe stecken noch tief in den roten Zahlen und müßten wohl ums Überleben kämpfen - oder die Hand für Subventionen aufhalten.

Auch Schlichter Pohl befürchtet, daß die "Unternehmen, die teilweise immer noch am Tropf der Treuhand hängen", eine schnelle Anpassung an Westlöhne nicht verkraften würden. Dann müßte die Branche, die vor der Wende 66 000 Mitarbeiter zählte, weiter schrumpfen. Josef Fidelis Senn, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Stahl, ist kategorisch: "Ein Streik wäre eine wirtschaftliche Katastrophe." Westeuropäische Konkurrenten warteten nur darauf, Lieferausfälle auszugleichen.

Angesichts von Monat zu Monat steigender Arbeitslosigkeit scheint ein Streik in Ostdeutschland vielen als das falsche Signal. Das sieht wohl auch Wirtschaftsminister Günter Rexrodt so, der am liebsten einen neuen Schlichter am Werk sähe. Die Arbeitgeber sind immerhin zu neuen Gesprächen bereit, denken aber nicht daran, materielle Verbesserungen vorzuschlagen.

Gewerkschafter Düvel wollte bisher von bloßen Gesprächen nichts wissen. Nach der Urabstimmung gebe es allenfalls die Möglichkeit präziser Vorschläge, und zwar in Form einer "Punktlandung".