Dieser Tage läuft ein Film in den Kinos an, in dem ein Eisberg namens Hollywood ein Schiff namens Titanic versenkt. Mehr als 400 Filmszenen wurden im Computer errechnet, und auch das Schiff ist ein solches Rechenkunststück. Ein Modell im Maßstab eins zu sechs wurde digital zu voller Lebensgröße aufgeblasen. Das Schiff kostete fünfzig Millionen Dollar - für die Hälfte hätte eine taiwanesische Werft die Titanic komplett neu gebaut. Aber "das Rumrechnen mit Computern ist viel authentischer als die Arbeit mit einem Nachbau, den niemand sehen will", erklärte Regisseur James "Terminator" Cameron in einem Interview.

Fünfzig Jahre nach der Erfindung des Transistors kürt die Zeitschrift Time zum Jahreswechsel einen Computermagnaten zum Mann des Jahres. Vor dem Schaf Dolly und Prinzessin Diana gewann Andrew Grove, der Vater des marktbeherrschenden Intel-Prozessors. Der Mann, der die Paranoia zum Geschäftsprinzip adelte, machte Intel (Intelligent Electronics) mit sehr harten Methoden zu einem Konzern, der mittlerweile mehr wert ist als IBM. Glaubt man dem Buch "Inside Intel" von Tim Jackson, so waren Groves Methoden nicht immer koscher, doch sehr erfolgreich. Der Verkauf von Prozessoren um jeden Preis heiligte jedes Mittel. Um Branchenprimus zu werden, opferte Grove bei Intel die lukrative Produktion von Speicherchips. Als sich die Internet-Telephonie als neuer Massenmarkt abzeichnete, zögerte er keinen Augenblick, die gewinnbringende Produktlinie von Videokonferenzsystemen zu kannibalisieren: Intel verschenkt die Telephonier-Software, auf daß sich jedermann Computer mit Intel-Chips kauft. Nach einem Witz der Intel-Ingenieure leben wir nur deshalb auf einem blauen Planeten, weil Intel inside am Werke ist - das blaue Intel-Logo müssen alle PC-Hersteller in ihre Werbung integrieren, dafür zahlt Intel einen Teil der Kosten - die teuerste Werbekampagne in der Geschichte der Computerindustrie.

Im Quartalsabstand kommen leistungsfähigere Intel-Prozessoren auf den Markt und zwingen Computerbesitzer dazu, sich ständig neue Geräte zu kaufen. Die Innovationsgeschwindigkeit richtet sich nach Moore's Law, einem "Gesetz", das Intel-Mitgründer Gordon Moore formuliert hat. Es gehört zu den drei Grundgesetzen des digitalen Zeitalters und besagt, daß sich die Anzahl der Transistoren auf einem Stück Silizium alle achtzehn Monate verdoppelt. Für den Käufer ist das Gesetz noch leichter zu merken: Der neue Computer, das Handy oder die Digitalkamera sind bereits veraltet, wenn man den Laden verläßt.

Die Einführung des Pentium-II-Prozessors wurde mit einer Kampagne beworben, bei der Tänzer in Clean-Room-Anzügen auftraten - neonbunte Exemplare der Schutzmonturen, die bei der Chipherstellung getragen werden (siehe auch den nebenstehenden Artikel). Wo immer er auftauchte, stieg Grove in einen dieser Anzüge, von den Technikern Bunnysuit ("Häschenanzug") genannt. Er schützt die empfindlichen Chips vor gefährlichen Menschenpartikeln. Auf Bunnysuits und Bunnypeople folgten die Bunnydolls: Parallel zur Werbekampagne ließ Intel 25 000 Puppen herstellen, die sofort vergriffen waren. Zum Weihnachtsgeschäft sollten weitere 50 000 Puppen an die eigene Crew verkauft werden, doch die Belegschaft bestellte insgesamt 350 000 Stück. Etliche Kaufhausketten sind mittlerweile hinter Intel her und wollen eine Million Bunnydolls unters gemeine Volk bringen. Und James Cameron soll nach der Versenkung der Titanic an einer Fernsehshow basteln, die in Bunnysuits gespielt wird. Ob die Menschen dabei von großgerechneten Bunnydolls dargestellt werden, ist nicht bekannt.

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