Ein klitzekleines Job-Wunder hat die Europäische Währungsunion bereits vollbracht - noch bevor sie Anfang 1999 richtig beginnt. Nach Jahren des Verdrängens und Schweigens schwappt eine Euro-Welle über das Land. Kein Tag ohne Symposien, Hearings und Bankentage, kaum ein Fernsehabend ohne Tips für Sparer, selten ein Wochenanfang ohne neue Bücher. "Der Euro ist für viele Politiker, Lobbyisten und Professoren ein echtes Beschäftigungsprogramm", sagt ein Kenner der Szene.

Beispielsweise für den Frankfurter Honorarprofessor Wilhelm Hankel oder die SPD-Europaabgeordnete Christa Randzio-Plath. Der bald 69jährige Honorarprofessor aus Frankfurt, vor rund drei Jahrzehnten einflußreicher Ratgeber von Superminister Karl Schiller, und die Sozialdemokratin aus Norddeutschland, heute Vorsitzende des Währungsausschusses in Brüssel, zählen zu den meistgefragten Duellanten im bundesweiten Euro-Streit. Er vehement dagegen, sie flammend dafür.

Ob sie in Frankfurt oder Bonn streiten, am Ende aller rhetorischen Rituale ist das Auditorium meist nicht klüger. Besonders ein Disput läßt jedes Publikum ratlos zurück: Schafft das Einheitsgeld neue Jobs, oder fallen der monetären Vereinigung des Kontinents sogar Arbeitsplätze zum Opfer?

"Achtung, Job-Lüge!" lautet die Schlagzeile des sterns gegen den Optimismus des Kanzlers, der unverdrossen verkündet, die Währungsunion werde für mehr Beschäftigung sorgen. Obwohl sich Helmut Kohl wahrlich nicht als Finanz- und Wirtschaftsexperte profiliert hat, kann der Pfälzer diesmal auf die besseren Argumente verweisen.

Das europäische Gemeinschaftsgeld, urteilt etwa das ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München, werde "längerfristig einen positiven Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit leisten". Und auch ein gestrenger Bundesbanker, der Präsident der Landeszentralbank von Sachsen und Thüringen, Olaf Sievert, prognostiziert "eine Verbesserung der Beschäftigungschancen". Die Experten treffen ins Schwarze. Wenn sich der Euro zu Beginn des nächsten Jahrzehnts erst einmal als Nachfolger der Mark etabliert hat, wird die beschäftigungspolitische Bilanz des Jahrhundertprojektes in der Bundesrepublik positiv ausfallen - aus mehreren Gründen: Der vielfache Exportweltmeister Deutschland profitiert vor allem davon, wenn in Europa keine Aufwertungsschocks mehr drohen. Mit Grauen erinnern sich Arbeitgeber und Gewerkschafter, allen voran die Tarifpartner der Maschinenbauer, an die erste Hälfte der neunziger Jahre: Im Zuge der vereinigungsbedingten Hochzinspolitik strotzte die Mark nur so vor Stärke. Hunderttausende Ar-beitsplätze fielen dem Höhenflug der heimischen Valuta zum Opfer, die massive Aufwertung hatte Arbeit in Deutschland im internationalen Vergleich zu teuer gemacht. Selbst spartanische Genügsamkeit der Arbeitnehmer hätte beim damaligen Tarifpoker nicht ausgereicht, um dieses Wettbewerbshandikap auszugleichen.

Daß der Euro wie eine Versicherung für die deutsche Volkswirtschaft wirkt die Gemeinschaftswährung schützt die Betriebe vor (meist unvorhersehbaren) Kostenschüben -, begünstigt gerade den ökonomischen Koloß Bundesrepublik: Rund zwei Drittel des deutschen Außenhandels, also Exporte und Importe, entfallen auf die Europäische Union (EU). "Die Gemeinschaftswährung", erklärt der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger, "verhindert, daß auf dem Arbeitsmarkt noch Schlimmeres passiert." Hunderttausenden Malochern in den exportintensiven Branchen Auto, Chemie und Elektro bringt das Gemeinschaftsgeld mehr Sicherheit.

Die Währungsunion ist aber keineswegs defensiv ausgerichtet, nur um den beklagenswerten Status quo zu verteidigen. Der Euro macht es vielmehr für inund ausländische Investoren wieder interessanter, sich in deutschen Landen zu engagieren. Bofinger: "Für Unternehmer entfällt das Risiko, daß Turbulenzen an den Devisenmärkten ihre Kalkulationen über Nacht zunichte machen." Das Fazit ist klar: Der gebeutelte Standort Deutschland wird im Euro-Zeitalter attraktiver oder, um es aus Sicht seiner Kritiker zu formulieren, weniger unattraktiv.