Angst. Vielmehr: angst. Wovor fürchten sich die Deutschen zur Jahreswende? Will man dem Time-Magazin glauben, dann ist es der Verlust des Literaturstandortes Deutschland, der die Deutschen besonders ängstigt. Vor allem eine Vorstellung entsetze sie ("is filling the literary community with angst"): literarisch nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Da deutsche Belletristik das Zeug zur Bestsellerei leider nicht habe (zu sehr der E-Literatur verhaftet, zuwenig unterhaltsam, daher für den Export nicht sonderlich geeignet), werde nur noch Importliteratur der Marke "Light Airplane Reading" aus dem fremdsprachigen Ausland gelesen.

Beweise? Die Bestsellerlisten natürlich. In der Tat herrscht dort das übersetzerische Einbahnprinzip. Es machen sich fast nur anglo-amerikanische Whopper breit - BigMäc-Schmöker von Grisham, Crichton und Follett, jahraus, jahrein. Dazu vielleicht noch Erbauliches aus Schweden ("Hannas Töchter"), Sodomitisches aus Dänemark ("Die Frau und der Affe"), Betuliches aus Norwegen ("Sofies Welt") und pittoreskes Elend aus Irland ("Die Asche meiner Mutter"). Aber mit Ausnahme der Krimi-Tante Ingrid Noll findet sich keine einzige deutsche Feder unter den Top ten. Kurzum: "Germany's inability to produce its own bestselling fiction provokes Sturm und Drang in the book world." Das klingt zwar wie ein englischer Filser-Brief, ist aber alarmistisch gemeint.

Mal abgesehen davon, daß dieser Sturm allenfalls geeignet scheint, den Drang nach einem Wasserglas zu provozieren, ist doch nicht zu leugnen, daß die Deutschen, literarisch besehen, der Welt derzeit kein E für ein U vormachen können. Der anglo-amerikanischen Welt-Trash-Hegemonie haben sie keinen Simmel entgegenzusetzen, die italienische Literatur ist unterhaltsamer, die spanische weltläufiger, die irische versponnener, die lateinamerikanische fabelhafter, die französische ... bitte den geeigneten Komparativ einsetzen.

Das muß noch kein Malheur sein - Kunstanspruch und Busineßinteresse brauchen nicht kompatibel zu sein; schließlich sind Marktschlüpfrigkeit und globale Verkäuflichkeit keine Qualitätskriterien einer nationalen Literatur. Es tut dem literarischen Rang eines Günter Grass, eines Martin Walser, einer Christa Wolf, eines Botho Strauß keinen Abbruch, wenn sie in Tallahassee vielleicht weniger gelesen werden. Zu ihrem Glück schafft es nicht einmal die amerikanische Literatur, von Melville bis Gaddis, den eigenen Weltrang mit den Standards der US-Bestsellerei zu vereinbaren.

Ein Malheur ist etwas anderes. Wenn Deutschland nicht nur die Grishams, sondern auch die Brecht-Debatten aus den USA zu importieren beginnt - das ist ein Malheur. Wenn in dieser Brecht-Debatte längst bekannte Tatsachen im Brustton moralischer Entrüstung vorgetragen werden, beispielsweise das Faktum, daß die Brecht Factory auf Teamarbeit beruhte - das ist ein Ärgernis. Und wenn ein selbsternannter USFeminist sich zum Rächer der ausgeplünderten und um ihre Anteile betrogenen Brecht-Koautorinnen aufwirft - das ist eine Dreistigkeit.

John Fuegi zeigt sich in "Brecht & Co." darüber empört, eine Margarete Steffin, eine Ruth Berlau, eine Elisabeth Hauptmann "in einer Fußnote zu beerdigen", statt sie als Mitarbeiterinnen am Kollektivwerk, das unter dem Markennamen Brecht bekannt ist, gebührend zu präsentieren. John Fuegi selber würde so etwas nie tun. Er würde die einschlägige Arbeit einer Frau niemals in einer Fußnote beerdigen. Er schweigt sie lieber gleich ganz tot.

Sabine Kebir verdanken wir einige bahnbrechende Untersuchungen über den Anteil der weiblichen Koautoren, namentlich Elisabeth Hauptmanns, am Brecht-OEuvre. Sie widerspricht, mit guten Gründen, Fuegis plumper "Sex for Text"-These und seinem spießigen Frauenbild. In seinem Mammut-Anmerkungsapparat erwähnt Fuegi Kebirs Arbeiten mit keinem Wort. Da lobt man sich doch den Frauenausbeuter Brecht. Der hat Frau Hauptmanns Arbeit wenigstens finanziell anerkannt, durch Beteiligung an den Tantiemen.