Auszeichnungen gibt es in der Wissenschaft zu Tausenden. Eine will nie jemand haben: den "IgNobelpreis". Der "Ignoble", wörtlich der Schändliche, wird alljährlich nicht für herausragende Forschungen verliehen. Sondern ganz im Gegenteil für solche, die besser unterblieben wären.

Anfang Oktober war es wieder soweit. Im ausverkauften Sanders Theatre der Harvard-Universität warfen enthusiasmierte Zuschauer Papierflugzeuge von den Rängen, während eine Jury die unfreiwilligen Sieger bekanntgab. Erster Preis im Fach Meteorologie: Bernard Vonnegut, Universität von Albany, für seine Arbeit über den "Rupfzustand von Hühnern als Maß für die Windgeschwindigkeit von Tornados". Zu seiner Verteidigung konnte Vonnegut nichts vorbringen; er war im Frühjahr zuvor gestorben (http://www.eecs.harvard.edu/ig_nobel/).

Im allgemeinen Trubel ging unter, daß Vonneguts Fachdisziplin durchaus Tradition hat. Zu den Pionieren zählt ein gewisser Elias Loomis, der 1842 eine Kanone abfeuern ließ, beladen mit hundert Gramm Schwarzpulver und einem toten Huhn. Das Versuchsergebnis war damals eher unbefriedigend. Reine Beschleunigung riß das Geflügel in Stücke. Warum Hühner beim Durchzug eines Tornados Federn lassen, blieb rätselhaft. Vakuumphänomene, Strömungseffekte das alles reichte als Erklärung nicht aus. Vonneguts Antwort dagegen: Angesichts hoher Windgeschwindigkeiten setzt beim Federvieh eine Art "Streßmauser" ein (http://www.tornadoproject.com/oddities/odditys.htm).

Die Wege der Wissenschaft sind krumm. Gerade auf fragwürdigen Feldern. Das Loomis-Experiment hat trotz geringer Aussagekraft bei den Ingenieuren des Triebwerkherstellers Pratt & Whitney überlebt. Um die Folgen einer Kollision beim Start oder Landeanflug zu berechnen, katapultieren sie befiederte Schlachthühner zu Testzwecken in eine laufende Turbine. Läuft das Triebwerk anschließend nicht mindestens zwanzig Minuten lang fehlerfrei weiter, muß die Konstruktion geändert werden (nachzulesen in http://www.straightdope.com/columns/971128.html).

Soweit die Praxis. Es gibt dazu auch eine passende Theorie. Im britischen Magazin New Scientist kursierte eine Zeitlang folgende Frage: Wenn eine Fliege frontal mit einem Schnellzug zusammenstößt, müßte sie diesen eigentlich zum Stillstand bringen, denn wenn sich ihre Bewegungsrichtung umkehrt, durchläuft sie für Augenblicksbruchteile eine stationäre Phase. Gleichzeitig aber klebt sie an der Frontscheibe des dahinrasenden Schnellzugs. Somit müßte auch dieser für kurze Zeit verharren (http://www.newscientist.com/lastword/answers/lwa130.html). Kein Problem! schrieben die Leser des New Scientist und kramten mögliche Deutungen hervor: Der Aufprall der Fliege werde kompensiert: a) durch geringfügiges Nachgeben des Lokführerstandes, b) durch deutliche Kompression der Fliege beziehungsweise c) durch oszillierende Schockwellen, die sich so lange im Zug fortpflanzten, bis der Impuls wieder ausgeglichen sei. Der Weisheit letzter Schluß war auch das noch nicht. Letztlich geht die Fragestellung zurück auf den vorsokratischen Philosophen Zenon, der das Paradox der Bewegung erfand: Wenn ich von hier nach da will, befinde ich mich stets am Mittelpunkt einer unendlichen Reihe von Teilabschnitten. Es ist also gar nicht möglich, irgendwo anzukommen.

Es sei denn, man bewegt sich ungeheuer schnell. "Sind Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit möglich?" wollten die Herausgeber der Annals of Improbable Research von ihren Abonnenten wissen. 72 Prozent antworteten mit Ja. Der Rest machte einige Einschränkungen: "Hängt davon ab, wie schnell das Licht ist"; "wahrscheinlich sind die Koffer langsamer"; "man kommt immer erst an, wenn es dunkel ist" (http://www.improb.com/airchives/mini-AIR/mini9703.txt).

Science going gaga. So ist das Internet. Und die Annals of Improbable Research, die Annalen unwahrscheinlicher Forschung, sind noch der seriösere Teil davon. Orgonstrahlen, Teslaenergie, Antischwerkraft, alles reichlich im Angebot. Rezepte zur Herstellung bösartiger Polymere werden gehandelt (http://www.icm.ac.cn/polymer/polylink/guk.html), Anleitungen zum Bau von Lavalampen (http://lavarand.sgi.com/), bahnbrechende Erkenntnisse aller Art, mit denen sich jederzeit ein Perpetuum mobile konstruieren ließe. Der Patentanwalt Michael J. Colitz aus Florida hat sich zur Aufgabe gemacht, die verschrobensten Erfindungen vorzustellen: eine Vorrichtung, kalte Füße mittels Atemluft zu wärmen; eine Bandwurmfalle; oder eine nützliche Sanitärhilfe für Kanarienvögel (http://colitz.com/site/wacky.htm).