Das Weinlokal "Lutter & Wegner" ist umgezogen, zurück zum Gendarmenmarkt, wo es schon residierte, als der Dichter E. T. A. Hoffmann sich durch Berlins Spelunken soff. Heute ist es eine gemütliche Brasserie mit Wiener Akzent. Das beginnt bei der Einrichtung - dunkles Holz, weiße Kugellampen à la Loos - und wird vollends auf der Speisekarte deutlich. Zwar fehlt das Beuschel, das deftige Haschee aus Lunge und Herz, weil die Preußen so was nicht mögen; aber der Feldsalat mit Kernöl, den der Österreicher Vogerlsalat nennt, das Wiener Schnitzel vom Kalb, der Tafelspitz - es ist alles da, nur hat es längst nicht die Qualität der gleichnamigen Spezialitäten in den Beisln von Wien. Wo die preußische Kartoffel aufmarschiert, ergreift die Delikatesse die Flucht. Trotzdem schmeckt's nicht schlecht, und spätestens die Wachauer Weine erinnern daran, daß die Spree der Donau nicht das Wasser reichen kann.

Noch österreichischer geht's im "Ottenthal" zu, zwei Häuser neben der "Paris Bar". Die Karte mit großartigen Weinen besänftigt die Sehnsucht nach den Heurigen (der Singerriedl von Hirtzberger - 95 Mark - ist sogar in Wien eine Rarität). Auch die Küche versucht ihr Bestes im Kampf gegen das Heimweh mit Backhendl und Kaiserschmarren. Brav, bürgerlich und preiswert.

Ich war auch in anderen Kleinrestaurants, Szenekneipen, Brasserie-Imitationen, halb italienisch, halb schwäbisch inspiriert, mit dem in Berlin beliebten Sperrmülldekor, oft von freundlichen Freaks geführt, die im besten Fall Amateure, meistens aber Dilettanten sind. Es ist jene Sorte von Bistrorias, die in allen Großstädten stets überfüllt sind, weil alle Stadtneurotiker gleichzeitig dort sein wollen. Es hat keinen Sinn, sie zu beurteilen; sie entziehen sich den gewohnten Maßstäben. Die Köche suchen nicht kulinarischen Ruhm, sondern Profit.

Ganz neu und zweifellos eine Errungenschaft ist das "VAU" in Berlin-Mitte. Die drei Großbuchstaben sind eine Erfindung des Designers, sie bedeuten nichts, machen sich aber auf den Tellern breit, wo sie für Saucenspuren gehalten werden können. Das schmale Restaurant verströmt postpostmodernen Chic, Wandbänke machen es trotzdem gemütlich. Die Küche ist gutbürgerlich, wobei die Betonung auf gut liegt. Kein Gericht mit mehr als solider Ausführung, keine Kreativeffekte - die besorgen kiloschwere Platzteller, pompejanisch rote Wände und schwarze Buchimitationen aus Briketts hinter der Bar. Die mag man rein dekorativ oder als historische Anspielung verstehen. Beim Essen gibt es kein Rätselraten. Die bewundernswerte Einfachheit der Tellergerichte und die kleinen Portionen künden von gastronomischer Modernität; das zaghafte Würzen bezeugt die Anpassung ans Bürgerliche. Zwar ist nichts wirklich fad; Fleisch wie Fisch werden tadellos zubereitet. Aber es sind die fehlenden Glanzlichter - hier etwas Zitronensaft, dort Pfeffer -, welche den Gast in die Wirklichkeit von Berlin-Mitte zurückholen. Im "VAU" ißt man gut und preiswert, zudem ist es mittags geöffnet. Es gibt eine überwältigende Auswahl an österreichischen Weinen.

Unter den Hotelrestaurants hatte ich das "Harlekin" im Hotel "Esplanade" in guter Erinnerung. Die an Schnüren über den Gästen schwebenden Glasplatten sind geblieben, und der Service könnte nicht besser sein. Die Küche ist immer noch gut, aber eben doch eine Hotelküche, deren Stärke ein gleichmäßig hohes Niveau ist, weniger die persönliche Handschrift eines Kochs. Die Höhe des Niveaus aber bestimmt allemal der beste Einzelkämpfer der Stadt; im Fall Berlins also Siegfried Rockendorf mit "Rockendorf's Restaurant" in Berlin-Waidmannslust. Dagegen kommt ein Großbetrieb nicht an. Die Wünsche der Hotelgäste kreisen nach Meinung der Hoteldirektoren nicht um kulinarische Extravaganzen, also kochen Köche brav das Übliche: Carpaccio vom Fisch, Räucher- oder marinierter Lachs, Medaillons, wenn es sich um Fleisch handelt, und immer Ente als Geflügel, immer Nudeln in der Trüffelzeit. Dafür dürfen die Köche bei den Dekorationen brillieren. Im "Harlekin" ist das nicht anders. Auf den Tellern wird die Schaulust mehr angesprochen als die Zunge. Nichts ist wirklich mißlungen, aber begeistern kann mich diese Designerküche nicht.

"Lutter & Wegner", Am Gendarmenmarkt, Tel.: 030/202 95 40, täglich ab 18 Uhr; "Ottenthal", Kantstraße 153, Tel.: 030/313 31 62, nur abends geöffnet; "VAU", Jägerstraße 54, Tel.: 030/202 97 30, SO geschlossen; "Harlekin" im Hotel "Esplanade", Lützowufer 15, Tel.: 030/25 47 80