Es war spätabends in der Amelungstraße, schon etwas her, Oktober vielleicht. Sie werden die Amelungstraße in Hamburg nicht kennen, auch dem Hamburger selber wird der Name nichts sagen. Und doch kennen Sie diese Straße. Es gibt sie in allen Innenstädten, zumindest in allen Innenstädten Deutschlands. Eigentlich ist die Amelungstraße gar keine Straße, sondern nur eine Zufahrt, Durchfahrt, Lieferzone, schmal, gepflastert noch und hundert Schritte lang. Verwaschene Gebäude säumen sie, aus einer unbestimmbaren Zeit, grob sanierte fünfziger, sechziger Jahre, verschwimmend in leblosen Farben, grau, graugelblich, braun.

Was sieht man sonst?

Unförmige Garageneinfahrten, Beton. Bürofenster mit Kunststoffrahmen, dahinter hier und da ein Zimmergrün. Vorn, an der Ecke, ist noch eine einsame Kneipe, sonst gibt es hier nichts. Hier wohnt niemand. Hier gibt es keine Geschäfte, keine Auslagen, nichts zu kaufen, nichts zu kucken, nichts zu tafeln, kein Kino, kein Tanzlokal, keine kleine Konditorei. Hier ist kein Aufenthalt. Nur wer samstags zum Einkaufen in die Stadt kommt, fährt mal kurz durch, ob sich vielleicht ein Parkplatz findet.

Überhaupt scheinen die Hauswände an der Amelungstraße Rückseiten von irgend etwas zu sein, von Verwaltungen, Kaufhallen; alle Eingänge wirken wie Hintertüren, und durch das Sicherheitsglas schaut man in gebohnerte Aufgänge, die gerne Treppenhäuser wären.

Oft ist sie auch aufgerissen, die kleine Straße, weil Kabel verlegt werden. Wahrscheinlich für die Büros. Darin sitzen die Angestellten und telephonieren oder starren auf ihre Computer oder legen Listen an oder blättern bitter durch ihre Akten oder sind nur eingeschlafen an ihrem Schreibtisch, vornübergebeugt. Manchmal geht die Klospülung.

Vielleicht - vielleicht war auch die Amelungstraße einmal eine richtige Straße, mit richtigen Häusern, die eine richtige Fassade hatten, einen Giebel sogar und einen Beischlag vor der Tür. Vielleicht haben hier Kinder gespielt und Frauen geschwatzt und alte Männer auf der Bank gesessen und den kopulierenden Hunden zugeschaut. Vor langer, langer Zeit. Da wurde sicher auch manchmal ein Mensch hier geboren oder ist einer gestorben, und irgendwo im Stadtarchiv liegt sicher noch ein Brief, der beweist, daß hier einmal ein berühmter Komponist drei Wochen lang gewohnt hat.

Dieser berühmte Komponist ... vielleicht in der Numero 9 oder 10, der Blick ging in einen kleinen Garten mit einem Apfelbaum, und der Meister rief noch hinab zum Wirt: Bei mir zu Hause stand auch so einer! Da saß ich drin als Kind und schrieb die ersten Lieder.