Als ob er noch den eigenen Tod inszeniert hätte: In der Nacht von Christi Geburt hat ein Sonnenkind des Theaters, der große Zauberer der Bühne in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, seinen magischen Stab aus der Hand gelegt. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1997 ist Giorgio Strehler in seinem Haus in Lugano nach einem Herzanfall gestorben, 76 Jahre alt.

Sonnenkind? Hat sich doch "immer am Rande des Abgrunds wandeln" gesehen, der nach Hunderten von Inszenierungen, Tausenden von umjubelten Schauspiel- und Opern-Aufführungen in aller Welt für sich selber am Ende des Lebens diese Bilanz eröffnet: "Alle Inszenierungen sind irgendwo danebengegangen. Ich bin unzufrieden, unruhig."

Unruhig - das war der Theatermensch, der bis in die letzten Stunden seines Lebens an der Neufassung seiner Inszenierung von Mozarts "Cos fan tutte" gearbeitet hat, mit der er Ende Januar 1998 in Mailand sein neues, größeres Piccolo Teatro endlich zu eröffnen hoffte.

Und war doch ein Sonnenkind des noch immer in Wehen liegenden Europa: geboren am 14. August 1921 bei Triest als Sohn eines österreichischen Opern-Impresarios und einer Konzertpianistin slawischer Abstammung, nach dem frühen Tod des Vaters aufgewachsen bei der Großmutter in Mailand, die sich weigert, anders als in ihrer Muttersprache zu parlieren, französisch. Der Großvater: Hornist, später Direktor der Oper von Triest. Davon blieben dem Regisseur, der sich im Älterwerden immer stärker zu Mozart, Verdi und dem Musiktheater hingezogen fühlte, Erinnerung - und Sehnsucht: "Als Kind schlief ich meistens ein beim Klang der Haydn-Quartette, der Brahms-Sonaten, der Schumann-Trios."

Ist so das Verlangen dieses Theatermenschen nach der wärmenden Verbindung mit anderen in einer Gruppe, einem Ensemble Gleichgesinnter zu verstehen? Schon der Zweiundzwanzigjährige inszeniert für den Gruppo Palcoscenico drei Einakter von Pirandello, gründet (als antifaschistischer Widerstandskämpfer in die Schweiz geflohen) in Genf die Exil-Gruppe Compagnie des Masques, mit der er Eliot und Camus einstudiert, und hat 1968, nach einer der vielen Trennungen von seinem Stammhaus in Mailand, sofort einen Gruppo di Teatro Azione um sich versammelt.

Der kinderlose Mann, der auch als Theaterdirektor keinen Nachfolger aufbaut (oder neben sich duldet?), ist tief überzeugt vom "Bedürfnis der Menschen beisammenzubleiben". Theater als Großfamilie: Aus solcher Überzeugung quillt noch das künstlerische Glaubensbekenntnis eines Menschen, der sich immer wieder in Essays und theoretischen Überlegungen zu seinem Beruf geäußert hat: "Alle große Kunst ist der Schrei des Menschen nach Glück."

Mit dem Freund aus Studententagen, Paolo Grassi, gründet Strehler 1947 im Keller eines Kinos, wo wenige Jahre zuvor noch die Faschisten gefoltert haben, sein Piccolo Teatro. Das "kleine" Theater wird in kürzester Zeit zu einem der künstlerisch großen Schauspielhäuser Europas, ja der Welt. Den Ritterschlag erhält Strehler, als ihm Bert Brecht nach der italienischen Premiere der "Dreigroschenoper" 1956 sagt: "Sie haben mein Werk zum zweiten Mal geschaffen."