Eines unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen: Er existiert nicht dumpf nur in der Gegenwart, sondern er blickt - duldend, strebend und handelnd - in die Zukunft. Wann immer sich die Jahre, die Jahrhunderte, gar die Jahrtausende wenden, haben die Wahrsager Hochkonjunktur. Sie sind genauso in Pessimisten und Optimisten geteilt wie die übrige Menschheit. Chiliastische Düsternis verbreiten die Weltuntergangspropheten von Zoroaster und dem Apokalyptiker Johannes über die lothringischen Mönche, die im Jahre 1000 den Tag des Jüngsten Gerichts gekommen wähnten, bis hin zu dem japanischen Aum-Guru Shoko Asahara und dem amerikanischen Waco-Anführer David Koresh.

Hingegen verheißen die Vorsänger des Fortschritts eine lichtvolle Zukunft: Hegel den Triumph des Weltgeists im preußischen Staat als letzte Weisheit der geschichtlichen Vernunft, Marx den Aufstieg aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit nach dem Sieg des Proletariats.

Die Untergangspropheten haben mit ihren Weissagungen noch stets die Wirklichkeit verfehlt. Die Welt drehte sich jedesmal weiter. Aber auch Hegel und Marx irrten: Preußen und die preußische Staatsidee sind tot, die proletarische Revolution ist auf dem Aschhaufen der Geschichte gelandet. Die beiden Philosophen hatten sich einen kapitalen Denkfehler geleistet: Sie unterstellten, daß ihr Gesetz der Dialektik, wonach jede These eine Antithese herausfordert und die Entwicklung schließlich in etwas ganz Neues mündet, die Synthese, außer Kraft trete, sobald ihre Zielpunkte "preußischer Staat" oder "Diktatur des Proletariats" erreicht seien.

Wir Heutigen leben in einer Welt unaufhaltsamen und unaufhörlichen Wandels. Wir haben gelernt, daß es keine historischen Endstadien gibt - es gibt nur Durchgangsstadien. Mit Macht hat uns die Gegenwart an Jacob Burckhardts Wort erinnert: "Wir sind nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht."

Was für die Großpropheten gilt, besitzt Gültigkeit auch für die vielen kleineren Lichter unter den Auguren, die während der vergangenen Jahrzehnte in den Gedärmen der Zeitläufte gestochert haben (ganz zu schweigen von jenen Künstlern aufgeregter Kurzatmigkeit, die gegen Beratungshonorar jede Marotte, jede Mode zum Trend hochstilisieren). Was haben wir nicht alles an wackeren, im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Warnungen gehört!

Da war erst in den Sechzigern Jean-Jacques Servan-Schreiber. In "Le défi américain" stellte er den Europäern eine gewaltige amerikanische Herausforderung vor Augen. Die Dampfwalze USA sei drauf und dran, Europa mit multinationalen Firmen ungestüm zu überrollen. Die Alte Welt müsse von Amerika lernen. "Sonst ist es gut möglich, daß in fünfzehn Jahren die drittgrößte Industriemacht der Welt, nach den Vereinigten Staaten und Rußland, nicht Europa ist, sondern die amerikanische Industrie in Europa."

Dann machte sich in den Siebzigern und Achtzigern eine Japan-Panik breit. Bücher des Rettesich-wer-kann-Genres füllten mehrere Regalmeter. Sie trugen aufreizende Titel wie "Bald werden sie die ersten sein", "Japan as Number One", "Der kommende Krieg mit Japan", "Yen! Japans bedrohliches neues Finanzimperium", "Was wir von Japan lernen können", "Im Schatten der aufgehenden Sonne". Aus allen diesen Titeln sprach Angst, die Fackel der Weltführungsmacht werde bald an Nippon weitergereicht. Im Jahre 2015, so raunten die politischen Kartenleger, werde das fernöstliche Inselreich auf allen Gebieten an der Spitze des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts stehen; es werde rings um den Globus die Finanzmärkte beherrschen; es werde Atombomben besitzen und ein Star-Wars-System zur Raketenabwehr aufgestellt haben. Die Welt müsse sich an eine Pax Nipponica gewöhnen.