Manchmal werden gute Ideen über einem Stück Pizza geboren. Im späten Herbst 1994 saßen Scott Heiferman, Kyle Shannon und Jeff Dachis in einer Imbißbude am New Yorker Times Square zusammen und redeten über das Internet, die Werbebranche und ihre Karrieren. Zwei Fragen trieben die drei jungen Männer damals ganz besonders um: Wie man die Welt verändert - und dabei reich wird.

Die Revolution ist den dreien bisher nicht gelungen. Reichtum rückte dagegen in greifbare Nähe. Dachis macht als Chef einer New Yorker Internet-Agentur heute siebenstellige Umsätze. Shannon wurde Mitinhaber bei einer Cyberspace-Consultingfirma, die 1997 knapp achtzehn Millionen Dollar umsetzen wird. Auch der gerade einmal 25 Jahre alte Heiferman gründete sein eigenes Unternehmen. Über das Geschäftsvolumen des Werbebetriebs, der im World Wide Web arbeitet, will er nichts Genaues sagen: "Ein paar Millionen, 1998 vielleicht doppelt soviel."

Dachis, Shannon und Heiferman sind typisch nicht nur für Amerikas durchlässige Unternehmerkultur, die Risikobereitschaft belohnt und schnelle Erfolge möglich macht. Die drei jungen Männer stehen auch für einen neuen Trend im High-Tech-Gewerbe - und sind Teil des Aufstiegs von New York zu einem der wichtigsten Entwicklungszentren für sogenannte "neue" Medien. Werbung, Handel und Unterhaltung im Internet bringen plötzlich Geld. New York verdient daran.

Vor drei Jahren - Heiferman schlief damals bei einem Freund auf der Couch, Shannon hatte achtzig Dollar auf der Bank - hätten dies nur die wenigsten für möglich gehalten. Das Internet war für neun von zehn Amerikanern ein Buch mit sieben Siegeln; die High-Tech-Branche begeisterte sich am interaktiven Fernsehen. Heute gilt das Netz als Medium, das die Welt verändern wird. "Content" ist das neue Zauberwort: Inhalt für das Internet.

In New York wird die heißbegehrte Ware hergestellt. Nach einer Studie der Wirtschaftsprüfer Coopers & Lybrand sind im Großraum der Metropole inzwischen fast 5000 Unternehmen mit dem Design von Web-Seiten, der Auflage von Online-Magazinen oder der Produktion von Werbung und anderen Dienstleistungen für das Internet beschäftigt. Allein in Manhattan arbeiten rund 2200 Firmen doppelt so viele wie vor achtzehn Monaten. Die meisten dieser Betriebe sind Garagenfirmen, die weniger als eine Million Dollar Jahresumsatz machen. Dennoch bietet der Sektor Neue Medien in New York mit etwa 56 000 Beschäftigten schon heute mehr Menschen Arbeit als die großen Verlagshäuser und TV-Studios.

Findige Marketingspezialisten haben der Heimat der jungen Branche denn auch bereits einen griffigen Namen gegeben: In einem Seitenhieb auf den großen Konkurrenten an der Westküste nennt sich die neue Medienkapitale im amerikanischen Osten Silicon Alley. Während sich die Unternehmen im Silicon Valley auf Technologie, Software und das Programmieren konzentrieren, wollen die Firmen entlang der Alley mit Kreativität, Kunst, Design, Experimentierfreudigkeit und neuen Ideen reüssieren. Dabei können sie auf die traditionellen Stärken New Yorks zurückgreifen, das seit jeher die Wahlheimat zahlloser Künstler, Desiger und Fernsehschaffender sowie Dutzender Verlage und Firmen aus der Unterhaltungsbranche ist. Auch die Nähe zur Wall Street hilft. "Von der Westküste kommen die meisten technologischen Neuheiten", findet der Web-Unternehmer Chan Suh, "von der Ostküste die meisten neuen Geschäftsideen."

Zusammen mit Kyle Shannon gründete Suh - ein mit sechzehn Jahren nach Amerika eingewanderter Koreaner - 1995 die Firma agency.com. Nach zehn Monaten hatte das Unternehmen 27 Angestellte und einen Jahresumsatz von 2,6 Millionen Dollar. Nach 22 Monaten lag der Umsatz bei 6,2 Millionen Dollar, die Zahl der Beschäftigten war auf 65 gewachsen. Heute, 34 Monate nach Firmengründung bietet agency.com 230 Menschen Arbeit und hat Zweigstellen in New York, London und Dallas. Zu den Klienten des Unternehmens gehören Nike, Sun Microsystems, British Airways, American Express, Time Inc. und Hitachi. "Im Jahr 2000 wollen wir der anerkannte Weltmarktführer im Management interaktiver Beziehungen (zwischen Kunden und Unternehmen auf dem Internet) sein", formuliert Suh völlig unbescheiden das Ziel seiner Firma.