Ist der Doktor zu Hause?" fragt der Patient mit flüsternder Erkältungsstimme. "Nein", haucht die junge, hübsche Frau zurück, "kommen Sie doch schnell herein!"

Hahaha! Wer hat da gelacht? Und wieso? Wie funktionieren Witze? Es gibt eine Wissenschaft, die das herauszufinden versucht. Und es zeigt sich, daß Humor ein sehr vertracktes Problem ist, sobald man ihm analytisch zu Leibe rückt. Schon die Frage, warum wir lachen, ist nicht leicht zu beantworten. Eine verbreitete Erklärung ist, daß es eine Art "Entspannungssignal" in den Horden unserer keulenschwingenden Vorfahren war - für die kurze Zeit des Lachens waren von den Artgenossen keine Feindseligkeiten zu erwarten. Aber wir lachen auch, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Humorforschung dagegen beschäftigt sich mit sprachlichen Äußerungen, die Lachen auslösen, und ist damit ein Untergebiet der Linguistik.

Nun hat die Linguistik ohnehin schon mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Sprachwissenschaftler, die sich oft in die Niederungen der Umgangssprache begeben und reale Gespräche bis zum letzten Rülpser protokollieren, erfreuen sich keiner großen Wertschätzung etwa ihrer literaturwissenschaftlichen Kollegen. Wenn dann auch noch Witze der Gegenstand der Forschung sind, ist der Kalauer nicht weit. Wie geht es zu auf den Humorkongressen? Jedenfalls lustiger als bei Molekularbiologen oder Orientalisten. Auch wenn das Erzählen von Witzen nicht das zentrale Element ist. "Sexforscher treiben es ja auch nicht die ganze Zeit, man erwartet von ihnen kein sexuelles Verhalten", so der einleuchtende Vergleich von Victor Raskin, der so etwas wie der Papst der Humorforscher ist. "Wenn wir uns Witze erzählen, dann vor allem, weil es um interessantes Material geht."

Was ist es denn nun, was den Witz witzig macht? Der Russe Raskin, der in der Sowjetunion nicht viel zu lachen hatte und deshalb ins amerikanische Exil ging, glaubt, die Erklärung gefunden zu haben. Zusammen mit seinem Kollegen Salvatore Attardo hat er die "General Theory of Verbal Humor" (GTVH) entwickelt, eine allgemeine Theorie verbalen Humors. Demnach basiert jede Pointe auf einer sogenannten Skriptopposition. Unter einem Skript verstehen die Linguisten ein gewisses semantisches Umfeld, in das Wörter und Begriffe eingebettet sind. Wer eine Sprache beherrscht, der denkt jeweils das entsprechende Skript mit, wenn er ein Wort entschlüsselt. So ist der erste Teil des eingangs zitierten Witzes eingebettet in ein "Doktorskript": Der Zuhörer denkt vielleicht an ein Wartezimmer, medizinische Instrumente, allenfalls eine Sprechstundenhilfe im weißen Kittel. Daß der Patient flüstert, liegt wohl an seiner Erkältung. Dann aber kippt das Skript um: Die junge, hübsche Frau mit ihrer gehauchten Stimme, die den Patienten hereinbittet, paßt nicht mehr in das Doktorskript. Plötzlich stellen wir fest, daß wir uns statt dessen in einem Verführungsskript befinden. Hahaha!

Damit ein solcher Skriptwechsel witzig ist, müssen die Skripten einen gewissen Gegensatz bilden. Also etwa sexuell/nicht sexuell wie im vorliegenden Fall oder religiös/profan, Leben/Tod, reich/arm und so fort. Immerhin behauptet Raskin, 95 Prozent aller Witze mit zwanzig dieser Gegensatzpaare erklären zu können.

Läßt sich mit dieser Universaltheorie Humor vollständig erklären? Zweifel sind erlaubt. Zwar mag es stimmen, daß in fast jedem guten Witz eine solche Skriptopposition vorkommt - aber damit hat man nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für Humor. Warum schütten sich manche Leute schier aus, wenn sie einen Witz hören, während andere nur müde lächeln? Was macht den Unterschied aus zwischen himmlisch genialen Pointen und unterirdisch schlechten? Warum hat der Deutsche einen stark anal geprägten Humor, während der Franzose eher zum Genitalen neigt?

Keine Frage, da spielen noch andere Faktoren mit hinein. Witze wirken am besten, wenn sie von jemandem erzählt werden, der das kann - deshalb sind ja Witzbücher so langweilig. Eine rein linguistische, auf die semantische Struktur der Pointe fixierte Humortheorie vernachlässigt die soziale Komponente des Witzes. Darauf weist die Konstanzer Soziologin Helga Kotthoff in ihrem Buch "Das Gelächter der Geschlechter" hin. Sie hat des öfteren in geselliger Runde ihr Tonbandgerät laufen lassen und die Dialoge beim Witzeerzählen anschließend fleißig protokolliert. Ihr Ergebnis: Es kommt auf viel mehr an als auf die Pointe. Ein guter Witzeerzähler bringt seine Zuhörer schon vorher zum Lachen. Die Ausschmückung des Witz-Plots mit komischen Details ist enorm wichtig dafür, wie der Witz ankommt. Und daß wir bei der Pointe lachen, hat durchaus nicht nur mit dem Überraschungseffekt zu tun wir können uns auch herzhaft über Witze amüsieren, die wir schon kennen, wenn sie nur gut erzählt werden. Es muß ja nicht gleich so zugehen wie bei den beiden Irren, die einander nur noch die Nummern der Witze zurufen und sich dann auf dem Boden kugeln.