Ein Mann sieht rot. Hans-Olaf Henkel, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), hat das Prinzip Amok nun endgültig zum Leitmotiv seiner Präsidentschaft erkoren. Man muß wahrlich kein Freund des reformscheuen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm sein, um Henkels maßlose Kritik an dem Kabinetts-Oldie ("totale Narrenfreiheit") zu mißbilligen. Wäre Henkels sprachliche Torheit nur ein Blackout, niemand brauchte sich aufzuregen. Doch verbale Rundumschläge gehören zum System Henkel.

Und hier beginnt das Problem. Der ehemalige IBM-Topmanager ist schließlich nicht irgendein Lobbyist der deutschen Wirtschaft. Der gebürtige Hamburger vertritt vielmehr an exponierter Stelle den mehrfachen Exportweltmeister Deutschland.

Das Land mag eine bessere Regierung verdient haben, ein besserer Repräsentant ihrer wieder erstarkten Industriekonzerne ist der Bundesrepublik allemal zu wünschen. Undenkbar, daß in Frankreich, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten "Berufslamentierer wie Hans-Olaf Henkel" (manager magazin) die Wirtschaft ihres Landes derart schlecht vertreten würden. Zu jedem Vorzug des Standorts Deutschland fällt ihm ein Nachteil ein. So werden keine ausländischen Investoren in der Bundesrepublik neue Arbeitsplätze schaffen.

Jeder Autoverkäufer wäre bei solch professioneller Miesmacherei schon gefeuert, jeder Vorstand von seinen Aktionären in die Wüste geschickt worden.

Den BDI-Präsidenten ficht das alles nicht an. Er gefällt sich in der Pose des aufrechten Vorkämpfers. Doch was zu Beginn seiner Amtszeit im Januar 1995 noch als couragiert und innovativ daherkam, hat sich längst als rechthaberisch und ineffizient entpuppt.

Damit keine Mißverständnisse entstehen: So wie bisher geht es im vereinten Deutschland wirklich nicht weiter. Der Reformstau ist unerträglich geworden - sei es bei den Dauerthemen Steuern und Rente, sei es im Hinblick auf mehr Flexibilität auf den Arbeitsmärkten. Nur, wer in der Standortdebatte lediglich Maximales fordert und selbst im Lager der Arbeitgeber und einer (wirtschaftsfreundlichen) Bundesregierung mehr Feinde als Freunde hat, der bewegt nichts, ja der hilft letztlich nur den Bremsern und Blockierern.

Solange Scharfmacher wie Henkel poltern, können sich die Reformgegner freuen.