Alle reden von Hongkong. Viele sind hingereist. Manche fanden sogar bis zum stinkreichen Jockey-Club. Aber kaum jemand noch hat sich von dort unter Heidenlärm und Hochstraße hinüberbegeben zum ältesten Friedhof der einstigen Insel Victoria. Wo die Grabsteine aus der frühen Zeit der Kronkolonie stehen, findet sich ein Sarkophag mit fast korrekter deutscher Inschrift: "Zum Gedenken Karl Friederick August Gützlaff - Apostels der Chinesen".

Kuo war sein Name für die Chinesen, Kuo-Shi-li, und sein Wirken war wunderlich - so wohl hätte Thomas Mann die Lebensbeschreibung Gützlaffs begonnen. Der aus Pommern stammende Schneidersohn, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die asiatischen Küsten absegelte, Religion und bisweilen Opium verbreitend, die Bibel verkündend unter der Flagge britischer Handelshäuser, hatte das Reich der Mitte ganz und gar zu seiner Lebensmitte erkoren. Ein frühes Marketing- und Sprachgenie, lernte er die chinesischen Dialekte von Mandarin über Kantonesisch bis zu Fuijan, der Umgangssprache der Seeprovinz - so perfekt, daß ihn alle Schichten und Behörden als Kind des Landes ansahen.

Seine Reisen als verkleideter Passagier in das den Fremden verbotene Reich waren so verwegen, wie seine Missionspläne - China noch zu seinen Lebzeiten zu christianisieren - an Größenwahn grenzten. Gützlaff-Kuo war mehr ein Süchtiger als ein Heiliger - als Pastor wie als Pirat zog es ihn immer wieder zurück: "Ich habe die Chinesen unheimlich lieb, ich lechze nach ihrer Seligkeit." Seine Reiseberichte verbanden Sympathie und präzise Beobachtung auf eine Weise, daß sie damals zu "Welt-Bestsellern" wurden und die westliche Öffentlichkeit - besonders Amerika - für China, die Missionstätigkeit und die imperiale "Erschließung" des fernen Reiches begeisterten. So begann eine Geschichte, deren letztes Kapitel in diesem Jahr in Hongkong endete. Und die Symbiose beider Welten, die sich der Westen und die örtliche chinesische Geschäftswelt heute so bange für die Zukunft der bisherigen Kronkolonie erhofften - auch die hat Gützlaff-Kuo gegen Ende seines nicht sehr langen Lebens schon vorweggenommen. 1843 wurde er "Chinese Secretary to the Governeur of Hong Kong" - der Mann für die Interessen der chinesischen Bevölkerung.

Die Berichte des pommerschen Missionars, die der Welt das erste reale Chinabild vermittelten, waren seit dem vergangenen Jahrhundert nicht mehr in deutscher Sprache gedruckt worden. Der kompetente Herausgeber, Winfried Scharlau, lange Fernsehkorrespondent in Asien und Kenner der Routen Gützlaffs, erinnert in seiner Einführung an Leibniz und Voltaire. Sie waren noch einem ganz und gar idealisierten Bild vom chinesischen Staatssystem gefolgt, in dessen Weisheit und Tugend sie den Gegenentwurf zum zerrissenen Europa sahen. Gützlaff hingegen beschrieb das Objekt seiner Liebe nüchtern wie keiner zuvor: "Das Hauptmittel, durch welches die Verwaltung des Reiches zusammengehalten wird, scheint in der Geldbestechung zu liegen." Und: "Meine Beobachtungen überzeugten mich, daß das Volk im allgemeinen nach der kaiserlichen Regierung gar wenig fragt, und es um nichts als um den Lebenserwerb und die Häufung von Reichtümern bekümmert ist." Da erweisen sich Gützlaffs Berichte als noch aktuelle Korrespondenz.

Winfried Scharlau (Hrsg.): Gützlaffs Bericht über drei Reisen in den Seeprovinzen Chinas 1831-1833 Abera Verlag, Hamburg 1997 214 S., 49,90 DM