Bildung statt Ausbildung

BERLIN. - Das Schlagwort, mit dem zur Zeit im Chor nach einer Bildungsreform gerufen wird, heißt Effizienz. Das Studium soll nicht nur weniger Zeit und weniger Geld kosten, sondern auch besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Die Relation von in der Hochschule erworbener und auf dem Arbeitsmarkt verwendbarer Bildung hat nach Möglichkeit 1 : 1 auszufallen. Doch eine Frage wird bei diesen Forderungen stets ausgeklammert: Wie verhält sich die heute verlangte Bildungsreform zum vorhersehbaren Arbeitsmarkt von morgen?

Es ist relativ offensichtlich, daß die "Effizienz" einer Hochschule sich aus ähnlichen Gesetzen ergibt wie denen eines Unternehmens. Der möglichst geringen Anzahl möglichst hochqualifizierter Arbeiter entspricht die möglichst geringe Anzahl möglichst hochbegabter Studenten, die so die bestmögliche Ausbildung erhalten. Die Konsequenz eines ausschließlich am Wettbewerb orientierten Hochschulsystems wäre, daß die Ausbildungschancen nicht qualitativ, aber quantitativ sinken. Wo aber bleiben die, die dort nicht mehr unterkommen?

Sicher ist, daß der Arbeitsmarkt ihnen keine Alternative zu bieten hat. Schon heute dient die Universität als "Auffangbecken für Arbeitslose" (Der Spiegel). Gleichzeitig wird bei steigender Produktivität der Bedarf an Arbeitskräften weiter zurückgehen. Verschärfend kommt hinzu, daß bestimmte gesellschaftliche Gruppen stärker als bisher auf den Arbeitsmarkt drängen, beispielsweise Frauen und Rentner. "Wir müssen uns endlich reinen Wein einschenken", schreibt deshalb Ulrich Beck in der ZEIT, "es gibt kein Zurück zur Vollbeschäftigung."

Nach den Gesetzen des Marktes wird diese Entwicklung auch den Bereich der qualifizierten Stellen betreffen, auf die die Universitäten nun besser vorbereiten sollen. Die geforderte "marktgerechte" Spezialisierung der Studierenden, die man polemischer auch als Ausbildung statt Bildung fassen kann, wird nicht darüber hinwegtäuschen: Der Markt wird auch die Anzahl der ihm paßgerecht zugelieferten Hochschulabgänger "optimieren".

Faßt man also Arbeitsmarktprognosen und Bildungsreformpläne in denselben Blickwinkel, läßt sich vermuten, daß es in der Gesellschaft des 21.

Jahrhunderts bei immer weniger Arbeit auch immer weniger Gebildete geben wird, die selber wiederum eher Ausgebildete sein werden. Und was geschieht mit dem immer größer werdenden gesellschaftlichen "Rest", den solche Optimierungsstrategien zurücklassen? Wer nicht sieht, daß in einer solchen Spaltung sozialer Sprengsatz und Gefahr für unsere Demokratie liegen, hat diese bereits begonnenen Entwicklungen nicht zu Ende gedacht.

Wenn sie Schlimmes verhindern will, muß sich die Gesellschaft auf die weitere Reduzierung des Arbeitsmarktes vorbereiten. An Kapital, das eine möglichst breite Bildung für möglichst viele finanzieren könnte, mangelt es in diesem Lande nicht. Kreativität, Orientierungsfähigkeit und Eigeninitiative, die die unterbeschäftigte Gesellschaft mehr denn je nötig haben wird, müssen gelernt und folglich auch gelehrt werden.

Bildung statt Ausbildung

Wenn die Universität schon jetzt als "Auffangbecken für Arbeitslose" dient, warum sollte dieser Umstand dann nicht auch ins Positive gewendet werden können? Wer anders als die Hochschulen sollte den Bürger darauf vorbereiten können, seiner Überflüssigkeit kreativ zu begegnen, und wer anders als der möglichst breit Gebildete sollte die in der veränderten Arbeitswelt neu entstehenden Berufsfelder besetzen können?

Der Begriff der Effizienz muß, entgegen dem vorherrschenden Diskurs, auch mittelbar gedacht werden. Bildung wird als soziale Funktion, nicht nur als ökonomischer Wert erforderlich sein, um die demokratische Gesellschaft im Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit lebensfähig zu halten. Es geht am Problem vorbei, zu fragen, ob wir nutzlos Geld in arbeitslose Akademiker investieren. Wir werden den gebildeten, kreativen, orientierungsfähigen, mit einem Wort, den akademischen Arbeitslosen noch brauchen.

Sandra Janßen studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin.